MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Verantwortung und Ökomomie in der
Heilkunde"
Beitrag
zum I. Ethik-Symposium: 12. bis 14. Mai 2000
· Ostseebad Kühlungsborn
Abstract:
Der
Tod und die Ethik ©
Dr. med. Jürgen R. E. Bohl, Johannes Gutenberg-Universität
Mainz, Abt. Neuropathologie, Langenbeckstraße 1, D-55131 Mainz
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Welchen Sinn hat moralisches Verhalten ohne Transzendenz
des Todes?
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Wenn der individuelle Tod in den Bereich des
gesellschaftlich Manipulierbaren gerät, wird dann nicht auch die moralische
Kompetenz des Einzelnen ersetzt durch einen wechselnden, eher zufälligen
Konsens der Gemeinschaft?
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Kann es Ethik ohne Offenbarung geben und können ethische
Richtlinien, die sich auf metaphysische Erkenntnisse gründen, allgemein
verbindlich sein?
Woher kommen wir?
Was sind wir? Wohin gehen wir? Diesen Fragen kann ein
Mensch auf Dauer nicht ausweichen, ohne Schaden zu nehmen in seiner
Ganzheit. Von den Antworten hängt es ab, wie der Mensch seinen Lebensraum schöpferisch
gestaltet und ob er die Grundlagen seines Daseins festigt oder zerstört. Die
individuellen Antworten des Menschen auf diese Fragen bestimmen sein Leben und
geben seinem Tod Gestalt. Der Versuch, Antworten nur innerhalb der physischen
und sozialen Ordnungssysteme zu finden, muss scheitern. Die Reduktion des
Menschen auf ein Element eines materialistischen Weltbildes bedeutet eine Kränkung,
eine Verstümmelung seiner ureigenen, innersten Natur. Als animal metaphysicum
bedarf er der Ergänzung aus metaphysischen und göttlichen Ordnungssystemen, um
heil zu werden. Der Mensch als Homo faber kann in seiner Verwiesenheit auf Sinn
Erfüllung nur finden in einer Transzendenz des Todes. Von dorther erfährt sein
Dasein Sinn. All jene Eigenschaften des Homo sapiens, die wir an ihm so schätzen
und bewundern: sein Sinn für das Wahre, das Schöne, das Gute - erhalten aus
der Transzendenz des Todes ihre Kraft. Die Macht des Schönen wurzelt im Tod.
Erst ein transzendentes Todesbild lässt Erinnern sinnvoll erscheinen; und Sein
ist vor allem Erinnern, und Erinnern ist Sein. Die Erfahrung von Schuld gründet
auf Erinnerung, und nur schuldig eröffnen wir neue Freiheitsräume. Moralisches
Verhalten setzt Freiheit voraus. Ein allumfassendes Verantwortungsbewusstsein
degradiert den physischen Tod zu einem ephemeren Ereignis. Ohne Transzendenz des
Todes erscheint moralisches Verhalten eher als „ein schöner Zug“, eine hübsche
Attitüde, zuweilen nützlich; aber man sieht in ihm weniger die Resonanz auf
eine elementare Eigenschaft der Schöpfung: auf Liebe.
Der Tod muss erfahren werden, um diese Wirkmacht zu entfalten; er muss
individuell und kollektiv erlebbar sein; nichts darf die Authentizität der
Todeserfahrung schmälern. Die Erforschung der Nah-Todeserfahrungen weist darauf
hin, dass Tod und Sterben sinnhafte Ergänzungen zum Leben liefern können, d.
h. sie machen ganz, sie bewirken Heil; also genau das Gegenteil von dem, was man
fürchtet: die grausige Vernichtung. Dieser Übergang, diese Wandlung sollte uns
deshalb heilig sein, so wie es im kulturellen Erbe vieler Völker verankert ist.
Die Verfügbarkeit des Todes (ganz gleich, ob individuell oder
gesellschaftlich) wird als fortschrittlicher Zuwachs an Freiheit und
Gerechtigkeit gepriesen. Mit Blindheit geschlagen übersehen wir, dass die
Machbarkeit und die Manipulation des Todes unsere Freiräume begrenzt und uns
den Boden der Gerechtigkeit entzieht. Die unteilbare und nicht ersetzbare
moralische Kompetenz des Einzelnen wird mehr und mehr überflüssig. Der zufällige
Konsens einer beliebigen Gemeinschaft entlastet den Einzelnen und ermöglicht
eine globale Verantwortungslosigkeit.
Die Berichte Verstorbener und auch die Todeserfahrungen von Sterbenden und
Wiedererweckten belegen, dass mit dem physischen Tod keineswegs eine Einengung
oder eine Zersetzung des Bewusstseins verbunden sein muss. In den Erfahrungen
der Nähe des Todes wird eher eine Erweiterung des Bewusstseins, eine
Entgrenzung und eine Erleuchtung beschrieben. Wenn es den Betroffenen
offensichtlich auch schwer fiel, diese ihre Existenz erschütternden
Erlebnisse in Worte zu fassen; so ist doch nicht zu übersehen, dass sie große
Ähnlichkeit mit mystischen Erfahrungen besitzen und dem Hereinbrechen eines
kosmischen Bewusstseins entsprechen. Dem auch körperlich Getroffenen wird ein
Wissen zuteil, werden Einblicke gewährt und werden Zugänge zu Erfahrungen
einer kosmischen Harmonie eröffnet, welche nur als Gnadenakt gedeutet werden können.
Das Wissen um eine allumfassende, grenzenlose Verbundenheit wird offenbart,
nicht erworben; das Empfangen mystischer Einsicht zwingt zur Demut und
Bescheidenheit: Sis humilis! So gerät man als Mensch in harmonische Resonanz
mit einer moralischen, als göttlich empfundenen Ordnung.
Auf diesem neuen, alten religiösen Weg (R. Panikkar) heißen die
Markierungen: Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Demut und Beschränkung einerseits;
andererseits aber auch offene Weite, Stille und Harmonie. Die Bedingungen für
empathische Resonanz werden immer günstiger - grenzenlos. William Blake hat
geschrieben: „Wären die Pforten der Wahrnehmung vom Schmutz befreit, alles
erschiene den Menschen so, wie es ist: grenzenlos.“ - und an anderer Stelle:
„He who sees the infinite in all things
sees God.
He who sees the ratio only
sees himself only.“
Und moralisches Verhalten beginnt mit einem Blick auf den anderen; und daher
kann es keine Ethik ohne das „Sehen Gottes“, d. h. ohne Offenbarung geben.
So wie das Auge als Antwort auf das Licht -auf etwas rein Geistiges also-
entstanden ist, so ist auch die Evolution des Menschen mit seinen schier unerschöpflichen
Fähigkeiten nur als symbolische Antwort auf ein Sein ganz anderer Art zu
begreifen.
Eugen Drewermann hat einmal gesagt: „Wir brauchen eine
Ethik, die den Menschen aus dem Mittelpunkt herausnimmt.“ In dieser Mitte wird
dann vielleicht wieder sichtbar, erfahrbar: Das Eine im Vielen, die Vielfalt im
Einen. Die gegenwärtigen Bestrebungen der modernen biologischen Wissenschaften,
insbesondere der medizinischen, gehen allerdings in eine andere Richtung:
Ziel ist die Apotheose des Menschen um den Preis der Menschlichkeit. Haben wir
noch eine Wahl? Wie könnte eine Ethik, die das ganz Andere in den Mittelpunkt rückt,
allgemein verbindlich werden? Eigentlich nur durch das Phänomen einer
kollektiven Erfahrung, welche allen möglich gemacht werden könnte; nur durch
unermüdliche Arbeit eines jeden Einzelnen an diesem gemeinschaftlichen Schatz
von Weisheit und Erfahrung. Die moralische Kompetenz des Einzelnen ist nicht
teilbar und nicht ersetzbar; sie kann nur gründen auf ganz persönlicher
authentischer Erfahrung. Diese zu ermöglichen und zuzulassen ist Aufgabe einer
jeden menschlichen Gemeinschaft. Ganz ohne Dogmatisierung ist eine moralische
Ordnung allerdings wohl nicht einzurichten; eine Institutionalisierung durch
Ritus, Sitte und Gesetz ist nicht zu umgehen. Doch besteht die große Gefahr,
dass infolge der Dogmatisierung der ursprüngliche Sinn der moralischen Ordnung
verschüttet wird, nicht mehr persönlich erfahren wird. Und so entsteht wieder
Unrecht und Gewalt und genau all das, was eigentlich vermieden, umgangen werden
sollte. Praktiziert wird das, was geächtet wurde. Und der Widersinn fällt
nicht einmal auf! Menschlichem Bemühen haftet ein Moment der Tragik an: Gerade
der Versuch, dem Unheil zu entgehen, führt es herbei. Wir rasen auf einen
Abgrund zu und tun alles, es nicht zu sehen!
Metaphysische Erkenntnisse und mystische Erfahrungen scheinen alle etwas
gemeinsam zu haben: Das Empfinden, dass alles mit allem verbunden ist. Insofern
verbindet ein gemeinsames Erkennen und Tun - und das daraus resultierende
moralische Verhalten könnte sich durchaus als allgemein verbindlich erweisen
(als Phänomen, nicht als Postulat).
„Wenn Deinem neuen Herzen
durch unsterbliche Macht alle Dinge,
ob nah oder fern,
auf geheime Weise
einander verbunden sind,
daß du keine Blume berühren kannst,
ohne daß ein Stern erzittert ... .“
(Francis
Thompson)