V.
KÜHLUNGSBORNER GESPRÄCHE
"Ethos,
Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke"
30. April bis 02. Mai
2004 · Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Vortrag
Begrenzt
und unbegrenzt
©
Dr.
med. Jürgen R. E. Bohl ·
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Abt. Neuropathologie ·
Langenbeckstraße
1 ·
D-55131 Mainz
-
Welche
Grenzen setzt die begriffliche Umwelt dem ärztlichen Tun?
-
Wie wären
die emotionalen Grundlagen des Denkens zu festigen, sodass sich grenzenloses
Mitgefühl entfalten könnte?
-
Wie könnte
die Beschränktheit eines auf "Gier", "Hass" und
"Verblendung" beruhenden gesellschaftlichen Systems überwunden
werden, auf dass einer Heilung von diesen Grundübeln nichts mehr im Wege stünde?
Ad
eins
„Die
Grenzenlosigkeit des Geistes ruht in seiner Beschränkung.“
Zu den vier
Umwelten des Gehirns gehört auch – als eine alle anderen Umwelten umfassende
– die begriffliche Umwelt. Die unmittelbare körperliche Umwelt des
Zentralnervensystems ist eingebettet in das sozio-kulturelle Umfeld; und dieses
wiederum ist ein Anteil des ökologischen Feldes. Die Strukturen und Funktionen
des Gehirns entstehen in beständiger wechselseitiger Abhängigkeit gemeinsam
mit den wesentlichen Konstruktionen der vier gestaffelten Umwelten. Als
‚heil’ erscheint ein Wesen, wenn dieser permanente autopoietische
Entwicklungsprozess eine mehr oder weniger harmonische Resonanz auf allen vier
Ebenen der selbst organisierten Konstrukte erzeugt. Im zentralen Blickfeld des
heilkundigen Arztes steht zunächst die körperliche Umwelt des Gehirns und
seines Selbst. Die krank machenden und leidbringenden Veränderungen in diesem
Daseinsbereich stehen nicht selten in enger Beziehung zu schädigenden Prozessen
im sozialen Umfeld, eingebettet in meist unausgesprochene kulturelle Abhängigkeiten.
Der Kranke ist immer – gerade auch in seinem Leid – ein tragendes Mitglied
seiner jeweiligen Gesellschaft und kann nur in dieser reziproken Beziehung
wieder zur Ganzheit finden. Die ökologische Umwelt wird mehr und mehr – in
zunehmendem Maße – von Menschen selbst geprägt. Die Konstruktionen der
selbst erschaffenen Welt erweisen sich oft als selbstzerstörend; die auf den
Menschen zurückwirkenden Eingriffe in die ‚natürlichen’ Umwelten sind in
ihrem Ausmaß unabsehbar. Die Zerstörung und Verschmutzung dieser Umwelten
beendet jegliche harmonische Wechselbeziehung des Menschen mit seinen Welten.
Der heilkundige und heilbringende Arzt muss von diesen komplexen
Beziehungsgeflechten wissen, wenn er seiner ursprünglichen Aufgabe gerecht
werden möchte.
Alle bisher
genannten Umwelten des Menschen werden ganz wesentlich geprägt von der Welt der
Begriffe. Wir bewältigen unser Dasein durch Greifen: Die hierzu erfundenen
Werkzeuge werden immer besser und eigenmächtiger. Es droht die
Versklavung des Homo faber durch seine fantastischen Geschöpfe.
Frankenstein’s Geschichte und die Ereignisse in der Welt des Golem sind
mahnende Beispiele. In der Welt des Geistes schließlich wurden noch bessere und
mächtigere Werkzeuge geschaffen: die Begriffe. Sie sind Ursache und Wirkung
zugleich und können im ungünstigsten Fall zu noch schlimmeren Verwüstungen führen
als alle andersartigen Eingriffe in unsere natürlichen Eigenwelten. Durch die
Verwüstungen des menschlichen Bewusstseins werden Zerstörungsprozesse in Gang
gesetzt, welche alles vernichten können, was der Mensch geschaffen hat, und
welche darüber hinaus auch die umfassende holonische Lebensgemeinschaft der
Mutter Gaia bedrohen.
Der Arzt muss
von der Janus-köpfigen Natur seiner begrifflichen Werkzeuge wissen; er sollte
die verführerische Verblendung durch modische Begriffe durchschauen. Der
variablen Nutzung begrifflicher Werkzeuge durch heilkundige Ärzte sind jedoch
sehr enge Grenzen gesetzt. Begriffe entfalten ihre Segen- oder Tod-bringenden
Wirkungen in den Köpfen einer Gemeinschaft, meist ohne Zutun oder Wissen des
Einzelnen. Wissende werden zu Rufern in der Wüste. Propheten werden aus der
Welt des Wahrzunehmenden entfernt. Ein Begriff, welcher der sich wandelnden
Beziehung des Menschen zu seinen Umwelten nicht mehr angemessen erscheint, kann
die zwischenmenschlichen Beziehungen vergiften (ebenso wie Blei in der Nahrung)
und kann in der Hand des Arztes zu einem vernichtenden Be-greif-werkzeug werden.
Für die Begegnung des Heilkundigen mit dem Heil-suchenden Kranken steht immer
nur eine sehr begrenzte Auswahl an begrifflichem Werkzeug zur Verfügung. Größere
Abweichungen von der üblichen Art und Weise der Benutzung sind kaum möglich.
Allenfalls durch Nichtgebrauch eines verhängnisvollen Begriffs – eines
Begriffs also, welcher die Beziehung nicht erhellt, sondern verhängt –
allenfalls durch Nicht-Tun also könnten kleinere Korrekturen möglich werden.
Das Leid eines Menschen sollte nicht auf sein Leiden eingeengt werden. Wenn
Erkrankungen verstanden werden als Reparatur-bedürftige Defekte eines ansonsten
perfekt funktionierenden Automaten (autonom und autark), dann steht diese
Vorstellung einer wirklichen Heilung des Kranken im Wege. Die völlig verkehrte
Interpretation des Leids wird sodann zum ‚Motor’ der sich vehement
verschlimmernden Krankheit; der Begriff wird zur eigentlichen Ursache der Störung
im System.
Dieser
‚Krankheitsmechanismus’ ist noch in keiner "DRG" zu fassen.
Ad
zwei [1, 2]
„Denken
ohne Fühlen ist irrational.“
(F. B.
Simon; 1984)
„Emotions
without cognitions are blind and cognitions without emotions are empty.“
(M. Wimmer; 1995)
„Erbarmen
ist die Erfüllung der großen Absicht.“
Jüngere
neurobiologische Forschungen konnten belegen, dass allen kognitiven Prozessen
immer mehr oder weniger Emotionen innewohnen, ja dass letztlich Denkoperationen
auf emotionalen Prozessen beruhen. So wie es unterscheidbare Denkformen mit ganz
bestimmten Regeln gibt, so können auch unterschiedliche Grund- oder
Basis-Emotionen genannt werden. Schon Darwin hat versucht, derartige Gefühlskategorien
aufzustellen und hat sie empirisch durch die Beobachtung der Mimik bei Primaten
wissenschaftlich untersucht. Charles Darwin hat auch bereits in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts geahnt, dass eine Vernachlässigung emotionaler Prozesse
eine Katastrophe für die Qualität des Intellekts bedeutet. Dem Niedergang der
kognitiven Fähigkeiten eines Menschen geht nicht selten eine emotionale
Deprivation voraus. So wie der Umgang mit der Beweglichkeit des eigenen Körpers
in einem langwierigen Lernprozess erst erworben und immer wieder geübt werden
muss, so müssen auch die eigenen Affekte kanalisiert und gebahnt werden, die
Affektivität muss in Abstimmung mit den sich wandelnden Umwelten kultiviert
werden. Auch dies geschieht mit einem Algorithmus schöpferischen Lernens.
Schließlich werden dank der Curiositas des Menschen und mit Hilfe seiner
wachsenden Kraft der Imagination die Grenzen seines eigenen Daseins überwunden
und es wird seine wundervolle Fähigkeit zur Empathie geboren. Dieses Mitgefühl
umfasst schließlich nicht nur andere Menschen, es grenzt auch andere Lebewesen
und Seinsformen nicht aus; letztendlich schließt es auch göttliches Wesen mit
ein.
So könnte es
sein – im günstigsten Fall.
Unsere gegenwärtige
Gesellschaft wird ganz wesentlich geprägt von den Erkenntnissen der
Naturwissenschaften und von dem darauf beruhenden technischen Fortschritt. Um in
diesen Bereichen etwas zu leisten und um anstehende Entscheidungen maßgeblich
zu beeinflussen und mitzuverantworten, muss man sich in frühester Jugend mit
allen zur Verfügung stehenden Energien der Schulung dieser sehr speziellen
Leistungsfähigkeiten widmen. Dabei werden notwendigerweise andere Fähigkeiten
vernachlässigt, wie z. B. die schönen Künste (les Beaux Arts), die
Musik, aber auch die Philosophie, die Theologie (die Königin der
Wissenschaften), sowie die Psychologie, die Soziologie – kurzum: "The
Humanities", um den treffenderen englisch/amerikanischen Ausdruck für
diese Wissenschaften zu benutzen. So kommt es, dass die Entfaltung und
Kultivierung der emotionalen Intelligenz vernachlässigt wird und dass die
verfeinerte Anpassung psychischer Strukturen an die in zunehmendem Maße
komplexe Umwelt nicht mehr gelingt. Infolgedessen wird unsere Welt ganz
wesentlich geprägt von psychisch zurückgebliebenen oder gar behinderten
Menschen. Das Land der Psyche wird zu einem unterentwickelten Landstrich der
Dritten Welt. Die Versteppung der Seele wird zu einer Gefahr für alles Leben, für
das eigene und das der anderen. Dem vorzubeugen oder entgegenzuwirken ist schwer
und muss frühzeitig begonnen werden.
Die
fantastische Plastizität des menschlichen Gehirns lässt hoffen, dass durch
eine Tradition holonischer Vorstellungen die Heilheit des Menschen und seiner
Seele und auch seines Geistes wiederhergestellt werden kann. Der Weg dahin ist
die Überwindung der Grenzen des Eigenen und die Pflege einer grenzenlosen
Empathie.
Ad
drei
„Menschliches
Dasein ermöglicht eine Öffnung der Welt für das Heilige – und vice
versa.“
„In
der Gnade leben heißt, die Möglichkeit des Opfers wahrzunehmen.“
Die Frage nach
der Willensfreiheit des Menschen wird von prominenten Neurowissenschaftlern
zuweilen klar beantwortet: Nein. Es gäbe keinen vernünftigen Grund, dies
anzunehmen; z. B. Prof. Dr. Wolf Singer, Frankfurt am Main [3]. Es sei ein schöner
Traum, eine nützliche Illusion, daran zu glauben, dass ein Mensch sich frei
entscheiden könne. Im Grunde entscheide sein Gehirn für ihn. Ohne die komplexe
Problematik hier darstellen zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass die
eigentliche Frage ja nicht darin besteht, ob des Menschen Wille frei sei; die
Kernfrage lautet vielmehr, ob sich der Mensch von seinem Willen befreien kann,
ob er sich von dem, was er will, lösen kann. Ein Mensch mit einem starken
Willen wird von dem, was er will, versklavt! Wie kann er sich von den Objekten
seiner Begierde befreien? Das ist die Frage! Wie kann er der Obsession seines
Hasses entfliehen und einer allumfassenden Liebe Raum geben, welche nicht
bindet, sondern befreit?
Der Freiheit
Preis ist die Liebe; so könnte man den Sachverhalt zusammenfassen. In
nachhaltige, schier unauflösbare Abhängigkeiten gerät der Mensch durch
Unwissenheit und Verblendung. Man wird nicht frei geboren; der Mensch ist nicht
unfrei oder frei. Er hat vielmehr die Möglichkeit, sich zu befreien, er vermag
aus dem Grauen einer tiefen Nacht den Weg zu suchen hin zum Licht. Freiheit ist
kein Zustand, vielmehr ein extrem mühsamer lebenslanger Prozess, eine Aufhebung
des Anhaftens an den obskuren Objekten der Gier, des Hasses und der
vermeintlichen Wirklichkeit.
Die
phylogenetische und ontogenetische Entwicklung der menschlichen Seele vollzieht
sich auf diesem Weg aus begrenzter Enge in die offene Weite des Geistes. Merkmal
des Geistigen ist, dass es Grenzen überschreitet. Frei werden heißt Bindungen
in der Welt der Dinge und Ideen lösen und sich dem Unbegrenzten aussetzen für
einen kurzen Moment nur, um sich dann wieder zurückzubegeben, zurückzubinden
(religare) in das Beziehungsgeflecht eines größeren, umfassenderen
Zusammenhangs. Erfüllung bedeutet, sich der holonischen Natur des menschlichen
Wesens nicht zu widersetzen. Wer die Natur seines holonischen Daseins zu leugnen
versucht, verfehlt die Befreiung.
Carl G. JUNG
schrieb in seinen Erinnerungen [4]: „Wenn man versteht
und fühlt, daß man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist,
ändern sich Wünsche und Einstellung. Letzten Endes gilt man nur wegen des
Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan.“
Eine
menschliche Gemeinschaft sollte bemüht sein, die Lebensbedingungen so zu
gestalten, dass dieser Weg zum Licht der Erkenntnis (der Weg zur Aufklärung:
"Enlightenment") für möglichst viele Mitglieder geebnet und
erleichtert werde. Eine Gesellschaft, welche mit allen zur Verfügung stehenden
Mitteln danach trachtet, die Abhängigkeiten ihrer Mitglieder zu vermehren und
zu festigen, welche immer neue Begierden schaffen muss, um nicht abrupt zu
zerfallen, wird in zunehmendem Maße inhuman. Eine Gesellschaft, welche ihre
Mitglieder zusammenfügt durch Erzeugung immerzu neuer Ängste und durch eine
allzu klare Abgrenzung vom Andersartigen – vom Bösen, vom Diabolischen und
Destruktiven, öffnet sich hiermit dem Terror, den sie zu bekämpfen vorgibt.
Eine Gesellschaft, welche mit einer Flut von gezielten Fehlinformationen die
systematische Desinformation ihrer Mitglieder verfolgt, wird zur größten
Gefahr ihrer selbst. Der Prozess der Selbstzerstörung wird vollendet durch das
wahnhafte Streben nach Sicherheit, durch die blinde Wut auf alles, was feindlich
erscheint, und durch den Versuch, sich selbst zu erhalten durch eine immer
perfektere Abgrenzung von allen anderen, größeren Zusammenhängen. Wenn der
Selbsterhaltungstrieb im Übermaß vorhanden ist, pervertiert er zur
Autoaggression. Dies ist im menschlichen Körper zu erkennen; dies lehrt die
kollektive Erinnerung: die Geschichte, und dies ist allüberall auch gegenwärtig
zu beobachten. Einmal angenommen, der Mensch könnte sich an den Bifurkationen
seines Weges frei entscheiden, so fühlte er sich verantwortlich für die Folgen
seines Tuns und Lassens. Da die Grenzen seiner überschaubaren Lebenswelten
immer weiter auseinanderweichen im Zuge der sog. Globalisierung, wird der Wunsch
nach einer notwendigen, lebenserhaltenden Beschränkung umso intensiver gefühlt.
Sollten die Menschen sich verantwortlich fühlen für die Entwicklung einer
friedfertigen und humanen Gemeinschaft der Völker, dann muss die ökonomische
Globalisierung dominiert werden durch eine geistige Globalisierung; und dies
kann und darf nur bedeuten, eine Form des Zusammenlebens finden im Geiste der Brüderlichkeit,
des Mitgefühls und der Liebe, welche auch Feinde und Andersartige einschließt.
"A
brotherhood of man – or whatever that means."
Nicht
Konkurrenz und Gier, sondern Kooperation und Beschränkung. Liebe und Zuwendung
statt Hass und Verfolgung; und immer wieder von neuem die Suche nach der inneren
und äußeren Wahrhaftigkeit. Es ist der alte schwere gute Wein.
Wenn der Mensch
eine Zukunft haben sollte, dann wäre eine radikale Änderung seines
gestaltenden Denkens vonnöten: Einerseits eine Beschränkung auf Wesentliches,
auf die Nähe zur Natur z. B.; andererseits eine schier grenzenlose
Erweiterung seines Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögens.
Referenzen:
-
Simon
FB. Der Prozeß der Individuation. Über den Zusammenhang von
Vernunft und Gefühlen. Göttingen: Verlag für medizinische
Psychologie,1984.
-
Wimmer
M. Evolutionary roots of emotion. Evolution and Cognition 1; 1995: 38–50.
-
Singer
W. Vortrag. Gehalten am 18.06.2003 in der J. Gutenberg-Universität Mainz
(im Rahmen der Stiftungsprofessur von Herrn Prof. Dr. Dr. hc. mult. Wolfgang
Frühwald).
-
Jung
CG. Der Mensch und seine Symbole. Olten / Freiburg i. Breisgau: Walter,
1988: 7.