MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen"
Beitrag
zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Gesundheitsökonomie
und Altersrationierung - (k)ein
Thema in Deutschland ©
Prof.
Dr. med. Helmut Brunner ·
Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität
zu Köln ·
Gleueler Straße 176 - 178 / III ·
D-50935 Köln
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Existieren
ökonomische Zwänge zur Rationierung medizinischer Leistungen?
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Ist
steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung wirklich der entscheidende
Kostenfaktor im Gesundheitswesen oder hat der technologische Fortschritt
eventuell sogar einen größeren Anteil an der Kostensteigerung?
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Kann
und darf Altersrationierung medizinischer Leistungen in Deutschland ein
Thema werden?
Ad
eins
Das
deutsche Gesundheitssystem bietet eine gute ärztliche Versorgung, die leider zu
teuer geworden ist, da ökonomische Aspekte in der Medizin bisher eine
untergeordnete Rolle spielten. Nach Ansicht des Sachverständigenrates für die
Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen „liegt das deutsche Gesundheitswesen
international bei der Zielerreichung im gehobenen Mittelfeld, benötigt dafür
jedoch einen unverhältnismäßig hohen Mittelaufwand“. Möglichkeiten zur
Erkennung von Kostenfaktoren und damit zur Kostensenkung bieten
Kosten-Nutzen-Analysen, Qualitätsmanagement,
Vernetzung der Leistungserbringer, „Evidence“-basierte Medizin (EBM) und
„Managed Care“-Modelle.
Ad
zwei
Die
Ursachen der Kostensteigerung im Gesundheitswesen liegen in der Zunahme älterer
Mitbürger und im technologischen Fortschritt, der schnellen Entwicklung
besserer Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. Neuere Daten zeigen, dass
eher der technische Fortschritt, weniger die Zunahme der Anzahl älterer
Menschen, den Kostenanstieg im deutschen Gesundheitswesen bewirkt. Da die
Ursache nur bei einem Drittel aller Krankheiten bekannt ist, sind Innovationen
durch Forschung zur Entwicklung neuer Behandlungsstrategien dringend
erforderlich. Sie sind mit hohen Ausgaben verbunden, in ihnen steckt aber
meistens ein erhebliches Sparpotenzial.
Ad
drei
Ärzte
stehen täglich vor der Entscheidung, auch für hochbetagte Patienten alles zu
tun und nichts zu unterlassen, was medizinisch möglich und sinnvoll ist, ohne Rücksicht
auf die Höhe der Kosten. In Großbritannien und Schweden wird aber für die
medizinische Versorgung weit weniger pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben als in
den USA, Deutschland oder der Schweiz. Wie sind diese Unterschiede in den
Ausgaben möglich? Großes Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang eine 1984 von
Aaron und Schwartz publizierte Studie, in der krasse Unterschiede zwischen den
USA und Großbritannien in den Raten der Inanspruchnahme selbst
lebenserhaltender medizinischer Leistungen nachgewiesen wurden [1]. Die Autoren
kamen zu dem Schluss, dass in Großbritannien medizinische Leistungen
„rationiert" werden. Schon der Begriff Rationierung erschreckte. Er
weckte Erinnerungen an Kriegs-und Notzeiten, in denen Nahrungsmittel, Benzin und
andere lebenswichtige Güter plötzlich knapp wurden und nach Regeln, die im
politischen Prozess als „gerecht“ erachtet worden waren, an die Bevölkerung
verteilt wurden. Rationierung ist daher ein Schreckensgespenst für Ärzte und
Patienten.
Ökonomen
und Mediziner haben unterschiedliche Betrachtungsweisen zur Rationierung. Die Ökonomie
geht von der Tatsache aus, dass die knappen Mittel für Güter und
Dienstleistungen dort eingesetzt werden müssen, wo sie das beste
Kosten-Nutzen-Verhältnis erzielen, um maximale Wohlfahrt für die Gesellschaft
zu erzielen. In keinem Bereich -das Gesundheitswesen eingeschlossen- können
Leistungen bis zur Sättigungsmenge (Grenznutzen = Null) beansprucht werden,
sondern immer nur bis zu dem Punkt, an dem der aus einer Leistung resultierende
zusätzliche Nutzen, Grenznutzen, gerade den dafür verursachten Zusatzkosten,
Grenzkosten, entspricht. Aus ökonomischer Sicht muss also selbst auf
medizinische Leistungen dann verzichtet werden, wenn mit einem anderweitigen
Einsatz der (knappen) Mittel ein höherer Nutzenzuwachs für die Gesellschaft
erzielt werden kann. Damit steht die ökonomische Betrachtungsweise in klarem
Widerspruch zur ärztlichen Ethik.
Rationierung
ist von der Rationalisierung abzugrenzen. Während bei der Rationierung aus Gründen
der Mittelknappheit medizinische Leistungen trotz erwiesenen Nutzens bewusst
nicht erbracht werden, bedeutet Rationalisierung
Effizienzsteigerung durch Optimierung der Handlungsabläufe. Rationierung
wird daher bei jeder Debatte über Einschränkungen im Gesundheitswesen heftig
und kontrovers diskutiert. Unter diesem Aspekt werden vor allem Errungenschaften
der „Spitzenmedizin“, zum Beispiel der hoch entwickelten Chirurgie,
betrachtet.
Sehr
aufschlussreich sind Untersuchungen von Schelling und Wettstein aus der Schweiz
[2]. Die Mehrzahl der Ärzte und offenbar auch viele Patienten sind der Meinung,
dass Rationierung schon lange stattfindet, nur ein geringer Teil lehnt sie
prinzipiell ab. Als Gesichtspunkte für den Anspruch auf medizinische Leistungen
wird die Lebensqualität nach Behandlung und die Lebenserwartung angegeben, während
Kriterien wie Nationalität, gesellschaftliche Rolle, Selbstverschulden und
kalendarisches Alter mehrheitlich abgelehnt werden. Die Patienten selbst sollen
und wollen über die Zuordnung der Mittel selbst entscheiden.
Wichtige
Fragen werden in Zukunft sein: Werden die Betagten zu Opfern der Rationierung im
Gesundheitswesen? Sind sie es vielleicht heute schon? Darf das Alter ein
Kriterium bei der Zuteilung von Leistungen des Gesundheitswesens sein? Die
drohende, schon vorhandene, unumgängliche oder um jeden Preis zu vermeidende
Rationierung in diesem existenziellen Bereich könnte zu einem der brisantesten
gesellschafts- und sozialpolitischen Themen werden. Die Überlegungen und
Positionen der von einer Rationierung potenziell betroffenen Menschen
-insbesondere alter Menschen- muss in die Diskussion einbezogen, ihr sollte höchste
Priorität zugewiesen werden.
Referenzen: