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"Ethos, Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke" 30. April bis 02. Mai 2004 · Seebad Kühlungsborn Abstract: eGovernance: Intro: Die Integration der Informations- und Kommunikationstechnologien ins Gesundheitswesen: eHealth und Telemedizin als des Kaisers neue Kleider © Dr. med. Martin Denz · Medical Informatics / eHealthcare · FMH Swiss Medical Association · Elfenstr. 18 · CH-3000 Bern – Schweiz
Die Gesundheitswesen der industrialisierten Länder sind mit einer zunehmenden Kostenexplosion konfrontiert, welche letztendlich nur mit Rationierungsmaßnahmen zu bewältigen sein wird. Diese Entwicklung wird an unseren ethischen und demokratischen Grundfesten rütteln – ab wann? Noch verdrängt die Bevölkerung Unangenehmes, noch können Politiker komplexe Sachverhalte tabuisieren und noch sind die health professionals stolz darauf, die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme tragen zu dürfen. Die Kostenzunahme ist Ausdruck einer Ressourcenverknappung, zu deren meistgenannten Ursachen die Ausweitung der medizinischen Möglichkeiten, damit zusammenhängende neue Bedürfnisse, die dadurch zunehmende Alterung der Bevölkerung und das in der Folge vermehrte Auftreten chronischer und multipler Erkrankungen. Für die Gesundheitsversorgung wird dies zunehmend auch zu einem logistischen Problem, welches ohne den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) nicht zu bewältigen sein wird. Es kommt hinzu, dass die health professionals selbst Teil der alternden Bevölkerung sind und deshalb ein progredienter Mangel an qualifizierten Leistungserbringern auf uns zukommt, der wiederum durch ICT-Lösungen weitestgehend kompensiert werden muss. Kaum je erwähnt wird jedoch, dass diskontinuierliche Prozesse, Redundanzen und die fehlende Koordination der Versorgungsprozesse, also organisatorische Aspekte, eine maßgebliche Ursache der Gesundheitskostenentwicklung darstellen. So betragen in der Schweiz allein die administrativen Kosten infolge ungenügenden Informationsmanagements im Gesundheitswesen 30 % der nationalen Gesundheitskosten – also immerhin 14,4 Milliarden Schweizer Franken von 48 Milliarden pro Jahr! Auch wenn diese Hochrechnungen zu hoch gegriffen sein sollten: Ein Bruchteil davon würde ausreichen, alle Rationierungsszenarien weit in die Zukunft hinauszuschieben. Die Bedeutung des Informationsmanagements liegt darin, dass sich das Gesundheitswesen durch eine hohe Datendichte und -komplexität auszeichnet. Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind das Mittel der Wahl für Branchen mit hoher Informationsintensität und mit Bedarf nach Prozessoptimierung – besonders Dienstleistungsindustrien. Einzig das Gesundheitswesen als die jeweils größte Industrie unserer Industrienationen leistet sich den Luxus, heute im administrativen und noch weit mehr im medizinischen Bereiche unzeitgemäße Verfahren einzusetzen. Ist dies aus ethischer Sicht oder aus der Perspektive staatsbürgerlicher Verantwortung zu verantworten? Informierte Bürgerinnen und Bürger werden mir entgegnen, dass laufend hohe Ausgaben in informatische Infrastrukturen getätigt werden und die Versorgungsdichte mit ICT-Mitteln im Gesundheitswesen besonders hoch sei. Die health professionals wiederum werden darauf hinweisen, dass ein überwiegender Teil ihrer Arbeitszeit durch die Erhebung, Sammlung und Kodierung medizinischer und administrativer Daten beansprucht wird, statt sich unmittelbar patientenbezogenen Aktivitäten widmen zu können. Die Wirklichkeitsprüfung ergibt jedoch, dass die vorhandenen PC's primär als Schreibmaschinenersatz eingesetzt werden, relevante medizinische Informationen unausgewertet auf Datenfriedhöfen landen und bereits erhobene Daten bei jeder sich bietenden Gelegenheit erneut erfasst werden. Ist dies ökonomisch und ethisch verantwortliches Handeln? Statt vorhandene Daten in medizinisches Wissensmanagement zu überführen oder durch interdisziplinäre und gesundheitsökonomische Auswertungen einen Nutzen zu generieren, der allen Anspruchsgruppen im Gesundheitswesen zugute kommen würde, konzentrieren Bürokraten und Kostenträger ihre Anstrengungen auf den Zahlungsverkehr resp. die Abschöpfung am Ende der Wertschöpfungskette. Wirtschaftlichkeitsprüfungen widmen sich der retrospektiven Analyse bereits angefallener Kosten, statt Entscheidungsgrundlagen am Ort der klinischen Entscheide bereitzustellen, um den Patientenprozess zu Beginn seiner Entstehung und in seinem weiteren Verlaufe medizinisch und ökonomisch optimal zu steuern. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien führt oft nicht zum erhofften Resultat: Dieses Phänomen ist – auch außerhalb des Gesundheitswesens – nicht unbekannt. Dies ist zumeist dann der Fall, wenn die ICT als vermeintliches Lösungsmittel statt als Lösungsträger eingesetzt werden oder wenn der soziale, kulturelle und politische Kontext nicht berücksichtigt wird. Es ist aber ganz entscheidend, diese Technologien nicht zu überschätzen oder als Selbstzweck zu fördern. Die ICT sind zugleich als Organisations- und Kommunikationsmittel zu verstehen, somit ein Mittel zum Zwecke der Verbesserung des Gesundheitswesens. Unter dem Begriff des «Empowerments» entwickeln Patientinnen und Patienten zunehmend den Anspruch, die sie betreffenden Prozesse mitzubestimmen und mitzugestalten. Das Internet bietet ihnen die Möglichkeit, sich die dazu nötigen Gesundheitsinformationen zu beschaffen und schafft Voraussetzungen für eine Arzt-Patient-Beziehung ohne hierarchisches Informationsgefälle («knowledge sharing»). Dies begünstigt die Entwicklung einer professionellen Partnerschaft mit selbstverantwortlichen Patienten. Der Arzt wird seine berufliche Kompetenz und Erfahrung vermehrt in die Selektion, Aufarbeitung, Übersetzung und qualitative Bewertung medizinischer Informationen für sich und seinen Patienten einbringen («comprehensible knowledge»). Das heute noch umstrittene «shared decision making» wird weit reichende Auswirkungen haben und neue sowohl juristische als auch ethische Dimensionen eröffnen. Die Kombination von gesammelten Gesundheitsdaten, die sozial verantwortungsbewusst genutzt werden, mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ist Voraussetzung für die «evidence-based practice» und ermöglicht ein bedürfnisorientiertes Gesundheitswesen. Der patientenorientierte Technologieeinsatz wird die Patientenbeziehung nicht ersetzen, sondern verbessern, und die Partizipation sowie das Selbstmanagement der Patientinnen und Patienten fördern; die Patient-Arzt-Beziehung wird durch zeitgemäße Arbeitsinstrumente und durch ein neues Rollenverständnis aller an der Gesundheitsversorgung Beteiligten intensiviert und die Patienten zum Mittelpunkt eines erneuerten Beziehungsmanagements. Während sich die heutige allgemeinärztliche Tätigkeit primär an kurativ-diagnostischen Einzelereignissen ausrichtet, ergibt sich eine Schwerpunktsverschiebung hin zu informatisch unterstützter Langzeitbegleitung und Prozesskoordination, der Hausarzt wird zum «knowledge navigator» oder «life-time health coach». Letztendlich bedeutet diese Entwicklung nichts anderes als die Auferstehung und zeitgemäße Förderung traditioneller hausärztlicher Qualitäten und Kompetenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Wille vorhanden sein, miteinander zu reden und gemeinsam etwas verändern zu wollen. Erst wenn wir eine Vorstellung davon haben, in welche Richtung sich unser Gesundheitswesen weiterentwickeln soll, können wir darüber diskutieren, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Davon sind die einzusetzenden technischen Hilfsmittel abzuleiten, aber auch, wie viel uns die Erreichung dieses Ziels wert sein soll (Investitionskosten, Ressourcenbedarf). Eine strategisch definierte Zielerreichung im Gesundheitswesen muss jeden Technologieeinsatz, der qualitativ und ökonomisch nachhaltige Veränderungen anstrebt, an den Grundsätzen der Organisationsentwicklung ausrichten.
Diskurs / Workshop I mit Intro : Prof. Dr. Harald KorbDiskurs / Workshop I mit Intro: Prof. Dr. Karl-Friedrich Wessel |
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