Dörfel II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

Home
Nach oben
Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Medizin zwischen Weisheit und Wissen ©

Dr. theol. Donata Dörfel · DIAKO · Referat für Ethik in Medizin und Pflege · Roonstraße 7 · D-24393 Flensburg 

  1. Welche Rolle spielt Lebensweisheit -als individuell biografisch gewachsene Kompensation- und Integrationsfähigkeit- im handlungsorientierten technisch-pharmazeutischen Medizinbetrieb?

  2. Wie können Patienten und Ärzte trotz der von wirtschaftlichen Interessen gefärbten Informationen über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten mündig und aufgeklärt werden?

  3. Wo gibt es Orte der Weisheit im Krankenhaus?

Im Alltag des Krankenhauses, den ich aus der Perspektive einer Ethikreferentin und Seelsorgerin erlebe, prallen zwei Welten aufeinander, denen sehr unterschiedlich Raum gewährt wird.

Den Primat hat das medizinische Wissen inne mit diagnostischen und prognostischen Perspektiven, auf die sich die Ausübung der ärztlichen, therapeutischen und pflegerischen Kunst ausrichtet. Der ständigen natur-, human- und biowissenschaftlichen Erweiterung dieses Wissens korrespondiert eine kontinuierlich fortschreitende Differenzierung und Spezialisierung medizinisch-technischer Apparaturen (in Hard- wie Software) sowie pharmazeutischer Angebote. Maßgebend für den Primat dieses Wissens-Aspektes in der Medizin ist die Rolle des Arztes als eines kompetenten Fachspezialisten, der auf Grund seiner diagnostischen Möglichkeiten und seiner durch Ausbildung und Berufserfahrung erworbenen prognostischen Fähigkeiten anderes und mehr über das Gewordensein eines Patienten und dessen Zukunftsperspektiven zu wissen beansprucht als es diesem Patienten für sich selber zuerkannt wird.

Eine dagegen sehr untergeordnete und in ihrer Bedeutung noch kaum erkannte Rolle kommt (in unserem Gesundheitssystem - und ich möchte mich dabei hier auf die Beobachtungen im Alltag des Krankenhauses konzentrieren) dem Bereich zu, den ich mit dem Begriff der „Lebensweisheit“ bezeichne. Anders als das (Erfahrungs-) Wissen des Arztes zeigt sie sich in der dem einzelnen Patienten biografisch zugewachsenen Fähigkeit zur Kompensation und zur Integration. Mittels medizinisch apparativer oder biochemischer Untersuchungen kann nur ein geringer Anteil ihrer Realität zu Tage gefördert werden, etwa die physiologischen Aspekte der Kompensation eines ausgefallenen Organs durch die Funktion anderer Organe oder verlorener Gliedmaßen durch Haltungs- oder Verhaltensänderung. Dem klassisch medizinischen Erkennen verborgen dagegen bleiben beispielsweise die psychische und physische Integration von Schmerz, Angst und anderen Grenzerfahrungen in das Verhaltens- und Erlebensrepertoire.

Dabei erstaunt es, dass sich in der Medizin bisher so wenig für diese Aspekte der Kompensation und Integration interessiert wird. Gerade sie sind doch für die Wahl einer auf die Einzigartigkeit des Individuums und die biografische Persönlichkeit bezogenen sowie dem Zeitpunkt angemessenen Behandlungsform unabdingbar.

Doch nicht nur das medizinische Desinteresse erstaunt, sondern auch die Bescheidenheit, mit der Ärzte wie Patienten sich an bestimmten Informationsformen über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten genug sein lassen. Nein, an der Fülle von Informationen mangelt es keineswegs. Bedenklich ist vielmehr, dass keine Information wertneutral, sondern stets von bestimmten wirtschaftlichen Interessen gefärbt ist. Der allseits beschworene „mündige“ Patient erhält aus dieser gefärbten Information heraus keine umfassende Hilfe zu einer autonomen Entscheidung, kann mithin seiner „Mündigkeit“ nicht innerhalb des technisch-pharmazeutischen Komplexes entsprechen, sondern höchstens, in dem er/sie sich bewusst aus dessen Reichweite hinausbewegt (Stichwort: Patientenverfügung).

Dem so -wenngleich als freier Kunde gefeierten- de facto doch unmündig gehaltenen Patienten entspricht der mit einem kontinuierlich aktualisierten Fundus des Spezialwissens ausgerüstete Mediziner. Auch dieser ist zum einen in Bezug auf seinen Zugewinn an Information über innovative Behandlungsformen begrenzt und zum anderen von den Produzenten dieser Angebote selber abhängig. Nicht zuletzt ist er in seiner Entscheidung, sie in der eigenen Praxis einzusetzen, zusätzlich von engen ökonomischen Rahmenbedingungen beinflusst. Wie aber können Patienten und Ärzte trotz der von wirtschaftlichen Interessen gefärbten Informationen über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten mündig und aufgeklärt werden?

Wie schließlich könnte trotz dieser dürftigen Voraussetzungen Lebensweisheit einen eigenen und angemessenen Raum im Gesundheitswesen finden? Grundsätzlich scheinen mir dazu drei unterschiedliche Antworten möglich:

bullet

„Gar nicht“ - da eben nur Wissen, Können und Reparieren, also die Wiederherstellung eines als normal definierten Zustandes gefragt sind;

bullet

„punktuell“ - wo in der Begegnung des Patienten mit Ärzten, Pflegenden, Therapeuten, Seelsorgern und Beratern die eigene Lebensweisheit als ein Raum des Widerstandes, des „Dennoch“ und der Umkehr entdeckt wird;

bullet

„umfassend“ - sobald im gesellschaftlichen Diskurs in Überwindung eines hypertroph übersteigerten Selbstbildes auch die Grenzen des Menschseins in den Dimensionen des Lebens, der Fruchtbarkeit und des Sterbens wieder erkennbar und maßgebend werden.

 

 

EVE / Heiligendammer-Gespräche

Fon +49 (0)40 52640235 · Fax +49 (0)40 52640236 · eMail info@heiligendammer-gespraeche.de