MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Verantwortung und Ökomomie in der
Heilkunde"
Reader-Beitrag
zum I. Ethik-Symposium: 12. bis 14. Mai 2000
· Ostseebad Kühlungsborn
Abstract:
Überlegungen
zu Sinn und Auftrag einer medizinischen Methodologie als Grundlage für die
Weiterentwicklung ethischer Intentionen in der Heilkunde ©
Dr.
phil. Hubert Donhauser ·
Komplementärmedizin
·
Epernayerstr.
16 ·
D-76275
Ettlingen
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Welche
Gedankeninhalte sind dem Schlüsselterminus "Methodologie" in der
Heilkunde bzw. Medizin zuzuordnen?
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Welchen
Gesamtauftrag hätte eine medizinische Methodologie im Hinblick auf eine
Ethikdiskussion zu erfüllen?
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Welche
Problematik könnte sich bei der Ausbildung eines solchen Projektes ergeben?
Der
Begriff „Methodologie“ bedeutet und beschreibt grundlegend nichts anderes
als die „Lehre von den Methoden, den wissenschaftlichen Verfahren (Synonym:
Methodenlehre, zu Methode und ...logie)“ [1].
Auch
in der Heilkunde unterscheidet man unterschiedliche Methoden in der Beschreibung
der Ausprägung und der Anwendung, allerdings bezogen auf verschiedene Ebenen.
Welche
Gedankeninhalte sind somit diesem Schlüsselterminus „Methodologie“ in der
Medizin bzw. Heilkunde eigentlich zu zuordnen?
Zum
einen müssen - wie der Begriff dies schon darlegt - alle möglichen
Teilbereiche und Teilaspekte des zu behandelnden Individuums in Betracht gezogen
werden. Wesentlich ist darüber hinaus das Vorhandensein einer Anpassungsfähigkeit
an neue bzw. sich ändernde Einflüsse. In diesem Zusammenhang ist auch auf
Wechselwirkungen bzw. Wechselwirkungsbeziehungen im Einzelfall Rücksicht zu
nehmen. Eine anzustrebende „Ganzheitlichkeit“ bedarf somit einer
nonreduktionistischen Ausrichtung, die keinerlei mechanistische Verfahrenszüge
an den Tag legen sollte.
„Ganzheitlichkeit“
ist teilweise ein Schlagwort der „alternativen“ bzw. „komplementären“
Heilszene geworden, häufig benutzt auch als Kritik der reinen Schulmedizin
gegenüber.
Geht
man vom Begriff „alternativ“ aus –
„abwechselnd, zwischen zwei Möglichkeiten,
Dingen, Personen usw.“ [2] –
so spürt man teilweise doch recht deutlich eine
Art „Graben bzw. Abgrenzung“ zwischen einerseits den
naturwissenschaftlichen, schulmedizinischen Verfahren und andererseits den
Verfahren, die genau das Gegenteil beinhalten, dafür aber in irgendeiner Form
„Ganzheitlichkeit“ aufweisen.
Betrachtet
man sich den Begriff „komplementär“ –
„ergänzend“ [3] –
so gewinnt man
eher den Eindruck, hier kann die naturwissenschaftliche Schulmedizin nur dann
dem Wunsch nach Vollkommenheit gerecht werden, wenn zusätzlich weitere, auch
„unwissenschaftliche Verfahren“ zur Ergänzung mit eingesetzt würden.
Diese
Argumentation führt nun zu der Annahme bzw. Theorie, daß ein Bedarf vorhanden
ist, sich über Einzelauffassungen, Einzelmeinungen und Einzelbetitulierungen
hinauszubewegen, um einerseits Gesamtvorgänge in der Medizin klarer überschauen
und strukturieren zu können und andererseits durch das Schaffen übergeordneter
Begrifflichkeiten eine Harmonie im Sinne des gegenseitigen Miteinanders und Ergänzens
verschiedener Disziplinen zu gewährleisten.
Methodologie
in der Medizin wird somit die eigentliche Aufgabe zugeordnet, alle relevanten
empirischen bzw. wissenschaftlichen Verfahren und Lehren der einzelnen,
unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenzutragen, um den Menschen in allen
seinen Facetten erfassen und berücksichtigen zu können und um evtl. eingeengte
Sichtweisen aufzubrechen.
Um
dieses sinnvoll gewährleisten zu können, sollten insgesamt gesehen zwei
Grunderwartungen erfüllt werden.
Einmal
muß das zentrale „Objekt“, um welches es sich hier dreht, klar bestimmt und
definiert werden, zum anderen muß daraufhin eine abgestimmte, übergeordnete
„Form der Lehre“ entworfen und erarbeitet werden.
Das
Objekt ist das Individuum Mensch in seiner Gesamtheit –
unabhängig von Alter,
Geschlecht, Rasse, äußeren Umstände usw. –
betrachtet unter dem Aspekt eines
Zustandes des Unwohlseins, Leidens bzw. Krankseins in allen möglichen
Variationen eines möglichen Vorkommens („pathologischer Zustand“).
Zur
näheren Beschreibung des Objektes bedarf es weiterhin einer Analyse bzw.
Darstellung des Individuums Mensch an sich und seiner Peripherie in einem
systemischen Zusammenhang.
Die übergeordnete „Form
der Lehre“ – die eigentliche Methodologie, welche dafür skizziert bzw.
entwickelt werden muß – hat dabei nachstehende, nicht ganz einfach zu
formulierende Aufgaben zu erfüllen: Sie muß einerseits demjenigen gerecht
werden, welcher sich mit pathologischen Erscheinungen an sich selbst
auseinanderzusetzen hat (Patient/Klient), andererseits muß sie nachvollziehbare
Richtschnur für diejenigen sein, welchen die Aufgaben des Diagnostizierens und
Therapierens zu kommt (Behandler/Therapeut).
Eine
solche Leistung kann im Prinzip nur im Verbund mit allen Wissenschaftszweigen
– Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften etc. - erfolgen, die für den
Menschen eine Relevanz haben. Grobziel mag hier die Konstruktion eines
„Modellkanons“ sein, welcher zu einer ständigen Weiterentwicklung ethischer
Grundkonzepte und Ziele in der Heilkunde führt.
Eine
der zentralen Fragen in der Heilkunst lauten häufig: „Was kann ich tun, was
darf ich tun und was soll ich tun“. Diese Fragen muß sich jeder Therapeut
stellen und zwar individuell bei jedem einzelnen Patienten.
Solche
„Reflexionen“ können nicht alleine durch wissenschaftliche Erkenntnisse
abgedeckt werden. Auch reicht die medizinische Erfahrung oder die religiöse,
spirituelle Ausrichtung des einzelnen Therapeuten alleine nicht aus, ebenso
wenig der rechtliche Spielraum, welcher im Einzelfall zulässig sein kann.
Selbstverständlich sind alle o. g. Fragen interdependent und besitzen simultane
Ziele.
Man
muß hier unterscheiden zwischen einerseits den rein
wissenschaftlich-technischen Fragen („was kann ich tun“) und dem
andererseits in den ethischen Bereich hineinragenden Fragentypus („was darf
ich tun“).
Alle
Antworten prägen letztendlich Hoffnungen, Werte und somit natürlich auch eine
Heilung bzw. Linderung von pathologischen Geschehen an Patienten.
Es
ist eine zentrale Aufgabe und Pflicht einer zu schaffenden Methodologie im
Bereich der Medizin bzw. des gesamten Gesundheitswesens, Analysen solcher Fragen
zu artikulieren und zu diskutieren. Sinn ist es in diesem Zusammenhang möglichst
differenzierte Entscheidungsmodalitäten zu erarbeiten und eine Basis für
Argumentationsmöglichkeiten zu schaffen, die in Frage kommende Lösungsansätze
tangieren.
Gerade
im Bereich des zwischenmenschlichen Handelns wird oft das als Maß der Dinge
genommen bzw. als „ethisch erlaubt" betrachtet, was legal in Vorschriften
und Richtlinien gestattet ist. Hier liegt natürlich auch ein großes Potential
an „Verführung", denn es werden durch rechtliche Normierungen Räume
geschaffen, die ein mögliches Nachdenken über diesen Rahmen hinaus häufig
verhindern. Ohne Zweifel ist aber nicht alles immer ethisch sinnvoll und
akzeptabel, was auch legitimiert ist.
Ein
weiteres Zentrum des Aufgabengebietes innerhalb der Methodologie ist es, sich
mit den einzelnen Pflichten von Therapeuten, Pflegepersonal und auch Patienten
auseinanderzusetzen. Selbstverständlich muß auch hier wiederum aus den
Blickwinkeln der Ethik und unter „moralischen Prämissen" agiert
werden.
Das
bedeutet, daß methodologische Erkundungen sowohl individuelle Fragen und
Fallbesprechungen tangieren müssen, allerdings darüber hinaus sich auch mit
den sozialen Bedingungen und Komponenten im gesamten Gesundheitswesen zu beschäftigen
haben - angefangen von gemeinnützigen und gesellschaftlichen Verpflichtungen
der Politiker, Assekuranzen und auch Medien, bis hin zu Koordination und
Anpassung unterschiedlicher Träger im Bereich des Gesundheitswesens.
Hier
entsteht natürlich für die medizinische Methodologie u. U. eine heikle
Position vor allem dann, wenn man konstatiert, daß eigentlich für eine Frage
nicht immer „die richtige" Antwort existiert, sondern immer viele mögliche
Varianten.
Referenzen:
-
Wahrig G. Fremdwörterlexikon. Gütersloh-Berlin-München-Wien;
Arcadia-Verlag, 1974, 399.
-
ebenda S. 39
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ebenda S. 323