MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf werdendes menschliches Leben"
Beitrag
zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Ethos in der Medizin ©
Naturwissenschaftlich-technische
Medizin muss durch Patienten-zentrierte Medizin ergänzt werden
Prof.
Dr. med.
Karlheinz Engelhardt ·
Medizin
und Ethik · Jägerallee
25
·
D-24159 Kiel
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Warum
muss naturwissenschaftlich-technische Medizin durch Patienten-zentrierte
Medizin ergänzt werden?
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Was
heisst Patienten-zentrierte Medizin?
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Wie
lerne ich Patienten-zentrierte Medizin?
Die
Medizin ist heute außerordentlich spezialisiert. In großen deutschen Krankenhäusern
und Universitätskliniken gibt es kaum noch Abteilungen für Allgemeine Innere
Medizin, sie sind durch Abteilungen für Kardiologie, Gastroenterologie,
Onkologie usw. ersetzt worden. Das hat Vorteile und Nachteile. Die Vorteile sind
deutlich: Kardiologen führen z. B. präzise diagnostische und
therapeutische Interventionen aus. Auch für die Forschung ist die
Spezialisierung eine Voraussetzung. Viele Menschen vertrauen der
Spezialisierung, die weitere Fortschritte erhoffen lässt. Der Glaube an sie ist
stark. Täglich vermitteln die Medien, wie viel die Medizin ausrichten kann.
Vergessen werden bei solchem Optimismus die Grenzen der Medizin: Das erste
Problem sind heute chronische Krankheiten: Herzkrankheiten, Asthma, die
chronisch-obstruktive Bronchitis, Karzinome, Arthrose und Arthritis, Rückenprobleme,
Schizophrenie, Epilepsie oder multiple Sklerose. Chronische Krankheiten können
nicht geheilt werden, Sterben und Tod sind nicht zu beseitigen.
Medizin
kann nicht alles, Ärzte und Spezialisten sind nicht allmächtig. Überschätzung
schlägt oft in Enttäuschung um. Die Nachteile der Spezialisierung werden zu
Unrecht bagatellisiert. Spezialisten sind vor allem an Techniken interessiert,
weniger an der Integration von multiplen Problemen. Viele Menschen sind heute
alt. Gerade ältere Patienten haben oft multiple medizinische Probleme. Nur ein
Allgemein-Internist ist in der Lage, sie zu erkennen und geeignete Medikamente
auszusuchen, die keine gefährlichen Nebenwirkungen und Interaktionen haben. Es
gibt Kranke, die Spezialisten mit einem engen und tiefen Wissen brauchen, andere
benötigen Ärzte, die ein breites Wissen haben und die ihren Patienten im
Umgang mit der chronischen Krankheit helfen. Sie fokussieren nicht nur auf
Organe, Zellen und Moleküle, sie berücksichtigen auch psychosoziale Aspekte
und sehen die ganze Person.
Als
ich mein letztes Buch „Kranke Medizin. Das Abhandenkommen
des Patienten“ genannt habe,
bin ich angegriffen worden. Aber kranke Medizin heißt nicht böse Medizin.
Kranke Medizin heißt, so lautet meine Diagnose als skeptischer Schulmediziner,
dass der heutigen Medizin etwas Wesentliches fehlt. Über ihre Fortschritte
vergisst sie, dass nicht nur das Objekt Krankheit, sondern auch das Subjekt
Patient wichtig ist. Viele Patienten sind auf Grund ihrer persönlichen
Erfahrungen enttäuscht und mit der modernen Medizin unzufrieden. Das ist ein
Grund für die Popularität der alternativen Medizin. Sie wollen besser
informiert werden, sie wollen mitentscheiden und verstanden werden. Die moderne
Medizin berücksichtigt wenig die Werte und Perspektiven der Patienten. Sie
passen nicht in das naturwissenschaftlich-technische Paradigma. Kranke wollen
nicht zum Organ reduziert werden, sie möchten als Person ganzheitlich
respektiert werden.
Gewiss,
der Begriff „Ganzheitlichkeit“ wird heute oft missbraucht. Eine besondere
Behandlungsform, z. B. die „Bach-Blütentherapie“, ist nicht
ganzheitlicher als eine andere Methode. Ganzheitlichkeit darf kein Anspruch
sein, sie ist vielmehr ein Ethos, eine leitende Idee, nach der unser
medizinisches Handeln eingerichtet werden sollte. Dieses Ethos sagt: Du sollst
zwar als Arzt eine klare und beweisbare naturwissenschaftliche Medizin
betreiben, du sollst aber nicht so häufig den Menschen über all deinen
Erfolgen und Manipulationen vergessen. Der amerikanische Kardiologe Lown beklagt
die verlorene Kunst des Heilens. Die Geschichte des Kranken und seine
Beschwerden, d. h. die Anamnese, aber auch die unmittelbare Untersuchung
von Kopf bis Fuß werden unterschätzt. Dadurch kommt es zu vielen unnötigen
diagnostischen Tests und Prozeduren sowie zu einer enormen Verteuerung der
Medizin. Oft überschätzen Patienten Macht und Reichweite technischer
Eingriffe. Gleichzeitig sind sie wegen der mangelhaften
Arzt-Patient-Kommunikation enttäuscht, denn die Technologie ist kein Ersatz für
die Zeit mit dem Kranken. So werden zwei Trends verständlich: Hinwendung zur
alternativen Medizin und Zunahme der Prozesse gegen Ärzte. Das Durchschleusen
der Kranken in Praxis und Klinik lässt wenig Zeit zum Heilen. Dazu gehören
nicht bloß Medikamente und Operationen, dazu gehören Sprache und Worte. Ärztliche
Worte können heilsam, unüberlegt und unter Zeitdruck gesprochen aber auch sehr
giftig sein. Wenn Ethos die leitende Idee ist, nach der die Medizin ihre Kultur
einrichtet, dann ist zu fragen: Ist diese Idee mit dem technischen Fortschritt
identisch oder gehört nicht zu dieser Idee, über das eigene Handeln kritisch
nachzudenken? Eine Kritik der medizinischen Unvernunft heisst: Die Medizin wird
nicht menschlich sein, wenn die naturwissenschaftlich-technische Dimension nicht
durch Patienten-Zentrierung ergänzt wird. Ergänzt – nicht ersetzt!