Jacobi III
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2002

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf werdendes menschliches Leben" 

Beitrag zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Dasein als Gabe ©

Ärztliches Ethos im Zeichen von Endlichkeit und Teilhabe

Dr. phil. Rainer-M. E. Jacobi · DFG-Projekt: Nachlass Viktor von Weizsäcker · Medizinhistorisches Institut 25 · D-53105 Bonn

  1. Gibt es ein Wissen vom Dasein?

  2. Worin liegt der Gewinn der Moderne?

  3. Sind Krankheiten vermeidbare Übel?

Beginn und Ende, Herkunft und Ziel des Lebens verstehen sich nicht mehr von selbst. Mit dem Verlust dieses Selbstverstehens kommt die Rückseite des Wissenszuwachses der Neuzeit in den Blick. Deren unzureichende Ernstnahme wäre gerechtfertigt, sofern der Wissenszuwachs genau die Sicherheiten und Orientierungen zu geben vermöchte, wie sie jenen Selbstverständlichkeiten ehedem eigneten. In der Medizin ist es das mit dem Zuwachs eines bestimmten Wissens verbundene Können, welches die herkömmlichen Leitprinzipien hinsichtlich des moralisch erlaubten und des moralisch unerlaubten nicht nur fragwürdig, sondern schlechthin ungeeignet erscheinen lässt. Die Konjunktur medizinischer Ethik bildet dann gleichsam eine Antwort auf den Verlust traditioneller Orientierungen. Als „Folgelast der Aufklärung“, also „eines immens gewachsenen Wissens und Könnens“, erweist sich die medizinische Ethik letztlich wie es Otfried Höffe in immer neuen Anläufen darzustellen sucht – als das „Symptom einer Krise“ [1].

Es mag vielleicht überraschen, aber die intellektuelle und administrative Aufwertung der medizin- und bioethischen Diskurse, als auch die Forcierung jenes auf erfolgreiches Handeln zielenden Wissens, verschärfen die Symptomatik und lassen die Krise selbst zunehmend in Vergessenheit geraten. Nichts vermag dieses Vergessen besser zu kennzeichnen, als dass es der Erwähnung bedarf, dass „weder der Beginn noch das Ende des menschlichen Lebens lediglich Naturereignisse (sind), für die Naturforscher und Mediziner sich alleinzuständig erklären können“ [2]. Offenkundig verbinden sich mit dem Geltungsverlust herkömmlicher moralischer Leitprinzipien noch andere Verluste: nämlich Wissensverluste. So hat das allenthalben beklagte Ungenügen der medizinischen Ethik, wie es in der Unauflösbarkeit existenzieller Konfliktsituationen bedrängend deutlich wird, nirgends anders seinem Grund, als in einem unzureichenden, oder genauer: unangemessenen Wissen um diese Situationen. Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis menschlichen Wissens zu menschlichem Dasein. Vorallem dann, wenn das Ziel des Wissens in erfolgreichem technischen Handeln liegt, es mithin um eine sehr bestimmte Form von Wissen geht. Betrachtet man einige charakteristische Merkmale dieses Wissens, also die Reproduzierbarkeit, die Eindeutigkeit oder die Zeitlosigkeit, wird sogleich sichtbar, dass dies Merkmale sind, die in eben der Weise, in der sie den technischen Erfolg garantieren, das Eigentümliche des menschlichen Daseins verfehlen [3]. Sowohl die zwingende Aporetik zentraler bioethischer Konflikte als auch der jüngst überaus kenntnisreich bemühte Rückgriff auf die Cusanische Formel der docta ignorantia weisen den Weg von der Symptomatik hin zur Krise, d. h. zum ungeklärten Verhältnis zwischen Wissen und Dasein [4].

Referenzen:

  1. Höffe O. Wenn die ärztliche Urteilskraft versagt. Ethik in der Medizin: eine Folgelast der Aufklärung. Neue Zürcher Zeitung, Nr. 233, 7. Oktober 1996: 23, sowie: Medizin ohne Ethik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2002: 16.

  2. Höffe O. Medizin ohne Ethik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2002: 16.

  3. Gethmann C-F. Heilen: Können und Wissen. Zu den philosophischen Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin. In: Beckmann JP. Hrsg. Fragen und Probleme einer medizinischen Ethik. Berlin / New York: de Gruyter, 1996: 76 ff.

  4. Jüngel E. Verstehen wir, was wir machen? Über bioethische Aporien. Neue Zürcher Zeitung, Nr. 250, 27./28. Oktober 2001, sowie: Dierken J. Docta ignorantia oder: Die Freiheit des Endlichen. Zschr Evang Ethik 2002; 46.

 

 

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