V.
KÜHLUNGSBORNER GESPRÄCHE
"Ethos,
Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke"
30. April bis 02. Mai
2004 · Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Diskurs / Workshop
Von
der medizinischen Interaktion zur Beziehungsmedizin
©
Dr. med. Herbert W. Kappauf ·
Psychoonkologie
und Palliativmedizin ·
Ärztehaus MediCenter
·
Oßwaldstr.
1
a ·
D-82319
Starnberg
Prof. Dr. med. Walter M.
Gallmeier ·
Onkologie und
medizinische Ethik ·
ehem. Vorstand der Medizinischen Klinik 5 und Ärztlicher
Direktor des Klinikums Nürnberg · Mögeldorfer
Hauptstr. 55 ·
D-90482 Nürnberg
Dr.
med. Gerd Büschel ·
Psychoonkologie und rehabilitative Medizin ·
Vivantes
Rehabilitation GmbH ·
Rubensstr.
125 ·
D-12157
Berlin
-
Sind
High Tech und High-Care ein Widerspruch?
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Was
macht Beziehung therapeutisch?
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Wie
können konzeptuelle Leere und Defizite der Lehre überwunden werden?
Es gibt in der
Medizin keine Behandlung außerhalb einer Beziehung zu medizinischen Dienstleistern.
Diese kann qualitativ sehr unterschiedlich sein: distanziert, sachlich oder eher
emotional stützend, einfühlsam oder aber abblockend bis gar missbrauchend. Gern
wird jede professionelle Interaktion mit Patienten in der Medizin als
therapeutische Beziehung bezeichnet, obwohl meist offen bleibt,
in wie weit die im jeweiligen Patientenkontakt beobachtbare Beziehung wirklich
eine therapeutische Qualität besitzt, also Morbidität mindert.
Patienten
erleben die Beziehungsgestaltung zwischen ihnen und medizinischen Dienstleistern,
häufig durchaus als problematisch. Dies gilt besonders für die
Patient-Arzt-Beziehung, da an diese hohe Erwartungen geknüpft werden.
Moderne Medizin
ist ohne moderne Medizintechnik nicht denkbar. Der Einsatz dieser Technik in der
Diagnostik und Therapie kann durchaus berechtigte Hoffnung und die Qualität der
Patient-Arzt-Beziehung stärken. Das diagnostische und therapeutische Potenzial
der medizinischen High Tech-Geräte spiegelt dann für einen Patienten eine
erweiterte ärztliche Kompetenz wider, die seinen Problemen gerechter werden
kann. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich der Patient bereits vor dem
Einsatz von Medizintechnik mit seinem Problem verstanden fühlt. Andernfalls
wird auch eine noch so innovative Technik beim Patienten eine Befremdung auslösen,
weil eine derartige Beziehungsgestaltung für den Kranken eine Entfremdung
impliziert: von ihm als ignoriert erlebtem Subjekt – mit seinem stets
subjektiv empfundenen Leiden – und ihm als Objekt, das auch bei bedrohlichen
Befunden Faszination auslöst. "Ein schöner Befund" beschreibt in der
Sprache der Diagnostiker nicht selten ihre Akkuratesse und Leistung – und ein
Sich-fremd-geblieben-Sein in der Beziehung, da für den Patienten der "schöne
Befund" möglicherweise eine infauste Prognose bedeutet.
Es besteht weit
gehender Konsens, dass moderne Medizintechnik zur "zweckmäßigen"
Behandlung gehört, auf die Patienten im solidarischen Gesundheitssystem einen
Anspruch haben. Gehört eine tragfähige therapeutische Beziehung ebenfalls zur
"zweckmäßigen" oder bereits
zur "optimalen" medizinischen Versorgung, auf die kein
Anspruch mehr bestehe? PET ja, Beziehung
nein? Beziehungsmedizin als IGEL-Leistung? Und welche Beziehungsaspekte haben
CT, MR, PET, PET-CT, Gamma-Knife oder Knochenmarktransplantation?
Ärztliche
Kompetenz für eine therapeutische Beziehungsgestaltung ist genauso wenig in die
Wiege gelegt wie das operatives Können von Chirurgen. Für letzteres gibt es
klinische Lehrer und systematische Ausbildungskonzepte. Diese fehlen für eine Beziehungsmedizin,
besonders da das reflektierte Sich-Einlassen auf das subjektive Erleben von
Kranken im modernen Wissenschaftsbetrieb wenig "karriereträchtig"
ist. Dementsprechend fehlen außerhalb von "Psycho"-Nischenfächern
medizinische Lehrer und "Opinion Leaders", die Beziehungsmedizin
konzeptuell fundiert in die ärztlichen Aus- und Weiterbildung einbringen.