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Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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"Ethos, Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke" 

30. April bis 02. Mai 2004 · Seebad Kühlungsborn

Zwei Abstracts:

Doppelvortrag

Modernisierung im Gesundheitswesen durch Telematik ©

Prof. Dr. med. Harald Korb · Telemedizin · Ärztlicher Direktor der Philips HeartCare Telemedicine Services · Heinrich-Heine-Allee 1 · D-40213 Düsseldorf 

Dr. rer. publ. Gottfried T. W. Dietzel LL.M.-Ministerialrat · Telematik - Gesundheitskarte · Leiter des Referats PG 1 "Gesundheitstelematik, Informationsgesellschaft - Grundsatzfragen" · Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung BMGS · Am Probsthof 78 a · D-53121 Bonn

  1. Welche Chancen in der Behandlungsverbesserung sind mit einer optimierten Datenverfügbarkeit verbunden?
  2. Welche positiven und negativen Veränderungen in der Kooperation zwischen Ärzten und Patienten sind durch die Telematik gegeben?
  3. Inwieweit hat der Patient als Kunde Anspruch auf eine optimierte Behandlung, die "State of the Art" moderne Technologien mit einbezieht?

Gesundheit gehört zu den Infrastruktur- und Dienstleistungsbereichen, die durch die Entwicklung und Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien beeinflusst und neu strukturiert werden, aber auch selbst Impulse für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft geben. Kommunikations-, Rationalisierungs- und Qualitätsprobleme werden vorgeblich gelöst bzw. in einen anderen Kontext gesetzt und darüber in ihrer Andersartigkeit neu bestimmt. Dadurch ergeben sich Effizienzsteigerungen, Qualitätsverbesserungen und Kosteneinsparungen.

Um sie zu ermöglichen, werden derzeit durch eEurope-2005 geeignete Rahmenbedingungen geschaffen und wichtige Schlüsselanwendungen entwickelt.

Zu den Prämissen der Gesundheitsversorgung unter den Möglichkeiten von eHealth

Das diagnostische und therapeutische Spektrum moderner medizinischer Versorgung ist immer komplexer geworden. Präventionsorientierter Beratung schließen sich diffizile Diagnosemethoden und arbeitsteilig organisierte Behandlungsverfahren spezialisierter Behandlungsträger an. Das anzuwendende medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre. Es ergeben sich zwar Chancen der Qualitätssteigerung, gleichzeitig steigen aber Probleme von Intransparenz und Kommunikationslücken. Vom an sich vorhandenen Wissen wird nicht in dem Ausmaß Gebrauch gemacht, der an sich sehr wünschenswert und organisierbar wäre. Der Sachverständigenrat zur Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen hatte daher in seinem Gutachten im Jahr 2001 das gleichzeitige Bestehen einer Unter-, Über- und Fehlversorgung bei vielen Krankheitsbildern konstatiert und hält darauf hin ein Rationalisierungspotenzial von 20 % der Aufwendungen im deutschen Gesundheitswesen für möglich, ohne dass damit eine Verschlechterung in der gesundheitlichen Versorgung verbunden wäre. Dieser Bilanz unter Qualitätsmanagementgesichtspunkten, die auf erhebliche potenzielle Leistungsverbesserungen und Kostenersparnisse verweist, entspricht die Erkenntnis, dass zwischen 20 und 40 % der Leistungen im Gesundheitswesen Datenerfassungs- und Kommunikationsleistungen sind. Werden sie durch den effizienteren Einsatz von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien verbessert oder auch erst ermöglicht, so lässt ihr Einsatz unter dem Blickwinkel der Informationstechnik entsprechende Ersparnisse erwarten. Auf das Gesundheitswesen durch die demografische Entwicklung zukommende Belastungen können dadurch quantitativ und qualitativ kompensiert werden.

Hier liegt die inhaltliche und strategische Bedeutung von "Gesundheitstelematik" als Anwendung moderner Telekommunikations- und Informationstechnologien auf das Gesundheitswesen und von "eHealth" als Beschreibung für alle Leistungen, Qualitätsverbesserungen und Rationalisierungseffekte, die durch eine Digitalisierung von Datenerfassungs- und Kommunikationsprozessen im Gesundheitswesen erreichbar sind. Diese Digitalisierung und elektronische Übertragung ermöglichen nicht nur eine bessere, schnellere und gesicherte Kommunikation im Gesundheitswesen, sondern auch durch Datenverknüpfungsmöglichkeiten die Rationalisierung und die qualitätsverbessernde Einführung neuer Diagnostik-, Therapie- und Nachsorgeverfahren. Dadurch kann:

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umfassenderes Wissen verfügbar gemacht werden (verbesserte und rationellere Aus-, Fort- und Weiterbildung);

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dieses leichter aktualisiert werden und Ärzten und Patienten online abrufbar zur Verfügung stehen (Patienten- und Gesundheitsinformationssysteme, evidenz-basierte Entscheidungs- und Unterstützungssysteme);

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bzw. können Patientenakten transparent und kommunizierbar aufgebaut und mit Datenbanken vernetzt werden. Erst dadurch wird eine integrierte Versorgung möglich.

Diesem Potenzial stehen erhebliche Einführungsprobleme gegenüber wie:

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fehlende Standards;

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eine bisher fehlende Vernetzung von Arztpraxen und Krankenhäusern;

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Finanzierungs- und Investitionsprobleme;

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Haftungs- und Datenschutzfragen, Organisationsstrukturen, die es schwer machen, effiziente Kommunikationsprozesse zu organisieren.

Deshalb müssen sowohl die Infrastrukturbedingungen für den Telematikeinsatz verbessert, als auch wichtige Schlüsselanwendungen integrativen Charakters wie das elektronische Rezept und der elektronische Gesundheitspass forciert werden. Bisherige Insellösungen müssen in eine Telematik-Plattform integriert und damit in einen interoperablen Kommunikationszusammenhang gebracht werden. Die Rechts- und Organisationsrahmen müssen systematisiert werden (technische Telematik-Plattform, Abrechnungsregeln für Telemedizin). Maßgeblich muss die Infrastruktur für eine sichere Kommunikation – welche die Patientendatenschutzerfordernisse berücksichtigt – aufgebaut werden (regionale und sektorale Netze, Sicherheitsarchitektur, Sicherheitspolitik).

Eine besondere Bedeutung bei der Verzahnung getrennt liegender Patientendaten kommt dem elektronischen Gesundheitspass zu, der vorgeblich ab 2006 an die Stelle der bisherigen Krankenversichertenkarte treten soll. Er wird eine patientenbezogene Arzneimitteldokumentation enthalten, den persönlichen Gesundheitsstatus wiedergeben und durch eine Pointerfunktion zu bereits erfolgten Diagnoseergebnissen unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden helfen. Der elektronische Gesundheitspass verbessert in seiner Brückenfunktion zum elektronischen Rezept und zur elektronischen Patientenakte nicht nur die Notfallversorgung, die Arzneimittel- und Therapiesicherheit. Es werden darüber hinaus auch neue Telematikanwendungen erschlossen, wie z. B. automatische Erinnerungsverfahren bei Ablauf des Impfschutzes. Er stellt in der Hand des Patienten – damit dessen Datenhoheit betonend – sowohl eine Kommunikationsschnittstelle zwischen den verschiedenen Trägern des deutschen Gesundheitswesens dar, als auch gibt er in die Verfügbarkeit des Patienten eine wichtige Datensammlung, die bei richtiger Nutzung seinen Gesundheitsschutz optimiert und die Risiken unerwünschter Arzneimittelinteraktionen und Unverträglichkeiten herabsetzt.

Mittelfristig stellt die einrichtungsübergreifend organisierte elektronische Patientenakte ein wichtiges patientenbezogenes Informationsbindeglied zwischen unterschiedlichen Trägern der gesundheitlichen Versorgung auf ambulanter, stationärer und rehabilitativer Ebene dar. Sie liefert den informatorischen Unterbau für integrierte Versorgung und für die Schaffung von Versorgungsketten. Sie hilft unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden und schafft Transparenz des Leistungsgeschehens. Andererseits sind wichtige Datenschutzaspekte zu lösen und die Zugriffslegitimationen gegenüber verteilt – am Ort der Datenerhebung – bleibenden, aber virtuell in die elektronische Patientenakte integrierten Patientendaten zu definieren. Die Einführung des elektronischen Gesundheitspasses stellt in diesem Zusammenhang einen pragmatischen Zwischenschritt dar. Es bleibt abzuwarten, wann die Ergebnisse der "Arbeitsgruppe des Aktionsforums Telematik im Gesundheitswesen ATG“ zu den Fragen einer strukturierten elektronischen Patientenakte im deutschen Gesundheitswesen umgesetzt sein werden. 

Das elektronische Rezept verbessert sowohl die Erstellung der ärztlichen Verordnung selbst als auch die Verarbeitung der damit verbundenen Daten. Es verknüpft Arzneimittelinformationssysteme mit patientenbezogenen aktuellen Dokumentationen (Arzneimitteldokumentationen niedergelegt auf elektronischer Patientenakte bzw. im eGesundheitspass). Die Entwicklung und Verfolgung einer geeigneten Therapie wird erleichtert. Unerwünschte Wechselwirkungen können kontrolliert und individuelle Unverträglichkeiten berücksichtigt werden. Zugleich ermöglicht das elektronische Rezept eine effizientere und schnellere Kommunikation zwischen Ärzten, Apothekern und Krankenkassen, dies bei Vermeidung etwaiger Medienbrüche.

Der Apotheker kann die Rezeptdaten mit Daten von Produktdatenbanken verknüpfen, um auf dieser Basis seine Patientenberatung durchzuführen. Die Sozialversicherungsträger können mit dem elektronischen Rezept das Abrechnungsverfahren vereinfachen und beschleunigen. Ein Monitoring des Verschreibungsverhaltens wird auch den Ärzten und ihren Körperschaften möglich, um Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Kostendämpfung zu entwickeln. Nicht zuletzt unterstützt das elektronische Rezept auf Grund der elektronischen Übermittlung den eCommerce.

Telemedizinanwendungen wie Telediagnostik, Teleradiologie, Telekardiologie, Telekonsultationen, eHomeCare werden immer bedeutungsvoller, um Patienten nicht unnötig transportieren zu müssen, und um ihnen einen Verbleib in ihrer häuslichen Umgebung zu ermöglichen bzw. frühestmöglich eine Rückkehr in diese zu erlauben. Dabei stellen sich schwierige Fragen der persönlichen Begegnung von Ärzten und Patienten, der Haftung im Verhältnis von Telemedizinern und unmittelbar behandelnden Ärzten sowie adäquater Abrechnungslösungen. All diese Fragen müssen in den nächsten Jahren gelöst werden, um die Effektivitätssteigerungen im Interesse von Versicherten und Patienten herbeizuführen, die mit Telediagnose- und Monitoringverfahren verbunden sind.

Sowohl in systematischen als auch inkrementalen Schritten wird damit das deutsche Gesundheitswesen weiter modernisiert und reformiert und durch zunehmende Einbeziehung von eHealth ein neuer Leistungsstand erreicht werden, der dem deutschen Gesundheitswesen sodann auch im internationalen Vergleich den Stellenwert zuschreibt, der durch Qualitätsmanagement und durch forcierte Implementierung von Informations- und Kommunikationstechnologien erreichbar ist.

Zur Praxis der Gesundheitsversorgung durch die Möglichkeiten von eHealth für heute und morgen

Die Einführung der Telemedizin in der Betreuung, Therapieführung und -steuerung chronisch kranker Patienten gilt jedoch in Deutschland – trotz starker Unterstützung durch Gesundheitspolitik und Gesundheitsökonomie – nach wie vor als Pionierarbeit. Nach der WHO-Definition von 1998 versteht man unter Telemedizin ganz allgemein "die Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen unter Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien zum Austausch gültiger Informationen für Diagnose, Therapie und Prävention von Krankheiten, wenn dabei die räumliche Entfernung einen kritischen Faktor darstellt“. Neueste technische Entwicklungen und entsprechende logistische Voraussetzungen bieten allerdings erst heute eine realistische Basis, Telemedizin als zentrales Service- und Informationstool zu implementieren und als Instrument zur Steuerung von Informations- und Datenfluss zwischen Patient, Krankenhaus und niedergelassenem Arzt zu nutzen. Zentraler Bestandteil des Systems ist dabei die lückenlose online Erfassung unterschiedlicher und für die spezifische Grunderkrankung relevanter physiologischer Messparameter, um damit einen wesentlichen Teil der oft sehr aufwendigen ärztlichen Grundversorgung in der Betreuung chronisch Kranker über HomeCare-Geräte abzudecken.

Telemedizin bietet dabei schon heute den entscheidenden Vorteil, dass aus gesundheitsökonomischer Sicht zwei entscheidende Mechanismen zur Verbesserung der Kosten-Nutzen-Relation zum Tragen kommen:

  1. die Konzentration von Ressourcen – der telemedizinisch betreute Patient erhält die Diagnose und evtl. Therapie ohne direkten Arztkontakt, innerhalb kürzester Zeit und sogar über große Entfernungen;

  2. der Einsatz von Ersatztechnologien – die EDV-gestützte Verarbeitung der Patientendaten ist schneller, effizienter und verhindert unnötige Doppeluntersuchungen.

Telemedizin präsentiert sich damit als eine zukunftsweisende Betreuungsform, der bei den gegenwärtigen Zwängen – wie z. B. Ärztemangel und auch demografische Veränderungen der Bevölkerungsstruktur – ein erheblicher Stellenwert in der Betreuung der Patienten zukommen wird. Besondere Ansätze ergeben sich speziell bei ökonomisch bedeutsamen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Hypertonie, Diabetes, Asthma und chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, die eine neue Betreuungssystematik dringend erforderlich machen. Gleichzeitig werden auch innovative Schritte und Lösungsansätze im Sinne von integrierten Versorgungsmodellen notwendig, sodass weitere Strukturveränderungen vorgenommen werden müssen. Gegenwärtig sind die Strukturen sektoral voneinander abgeschottet. Erst mit einer entsprechenden telemedizinischen Plattform ist eine sektorübergreifende Versorgung der Patienten im Sinne einer durchgehenden Versorgungslinie von der ambulanten über die stationäre bis hin zur rehabilitativen Versorgung, auch im häuslichen Pflegebereich, zu Gewähr leisten.

Für Klinik, niedergelassenen Facharzt und Hausarzt werden sich eine Vielzahl von Vorteilen ergeben, wenn sich die einzelnen medizinischen Institutionen als Partner im Sinne eines Qualitätsverbundes zusammenschließen. Möglicherweise auch kann durch den Einsatz der Telemedizin der Streit zwischen Politik, Gesundheitsökonomie, Leistungserstattern und Ärzteschaft auf eine sachlichere Basis gestellt werden, weil Kostensenkung und Qualitätsverbesserung zu einem geringeren Ressourcenverbrauch führen werden.

Meinungsbildner und Entscheider aus den unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens diskutieren derzeit intensiv über Implikationen und Problemkonstellationen, die der Einsatz multimedialer Kommunikations- und Informationstechnologien im Gesundheitswesen bei räumlicher Trennung zwischen Arzt und Patient zwangsläufig mit sich bringen muss. Darüber hinaus werden durch Telemedizin die Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen in hohem Maße verändert: Hierarchische Strukturen werden aufgebrochen, das Arzt-Patienten-Verhältnis verliert seine Abhängigkeit von Zeit und Raum, der Patient ist informiert und wird partiell zum Dokumentator seiner eigenen Krankenakte, der Arzt ist in kommunikative Strukturen eingebunden, komplexe Technologien reagieren und agieren auf Sprache, Ton und Signale und zwingen zur Umstrukturierung und zu Umdenkungsprozessen.

In diesem Kontext werden immer neue Fragen gestellt, die dringliche Antworten fordern:

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Ist tatsächlich voraussetzbar, dass neuartige Technologien von Patienten und Ärzten in zunehmendem Maße als selbstverständlicher Bestandteil der eigenen Existenz begriffen werden oder werden nur Ängste, Misstrauen und Widerstände geweckt?

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Was tut und muss die Industrie noch tun, um die "feindlich“ besetzte Dualität von Mensch und Maschine aufzuheben?

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Wird der Patient als Manager seiner Gesundheit überfordert?

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Wie organisieren wir ein lebenslanges Lernen im Fach "Gesundheit“ und wie gestalten wir den Lernprozess?

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Welche zusätzlichen Qualifikationen benötigt der Arzt, um seine neue Rolle zu finden?

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Erlaubt Telemedizin überhaupt eine ärztliche Identifikation?

 

Diskurs / Workshop

eGovernance:
e = mc² oder eine notwendige Entwicklung von "Disjunktion", "Substitution" und "Konjunktion" medizinischer Welten

Intro:

Telemonitoring bei chronisch kranken Patienten

Medizinisch sinnvoll und gesundheitsökonomisch dringend erforderlich am Beispiel des "Kardialen Telemonitoring" bei chronischer Herzinsuffizienz ©

Prof. Dr. med. Harald Korb · Telemedizin · Ärztlicher Direktor der Philips HeartCare Telemedicine Services · Heinrich-Heine-Allee 1 · D-40213 Düsseldorf 

  1. Ist ein individueller Kontakt zwischen Patient und Arzt bei sog. "Chroniker"-Programmen noch notwendig oder sind rein technische Ansätze mit bloßer Erfassung gesundheitsrelevanter Parameter bereits effektiv genug?

  2. Worauf beruhen die Widerstände, die dem breiten Einsatz telemedizinischer Betreuungsprogramme von Seiten der Ärzte und Patienten entgegengebracht werden?

  3. Warum ist ein Telemonitoring chronisch herzinsuffizienter Patienten medizinisch und gesundheitsökonomisch nicht nur sinnvoll, sondern sogar dringend erforderlich?

Die chronische Herzinsuffizienz ist die einzige Herzerkrankung mit wachsender Inzidenz, allein in der Bundesrepublik ist jährlich mit ca. 200.000 Neuerkrankungen zu rechnen. Mangelndes Wissen des Patienten über die Erkrankung, fehlende Compliance und eine unzureichende medikamentöse Substitution im Kontext mit einer inadäquaten und lückenhaften Erfassung gesundheitsrelevanter physiologischer Messparameter führen zu einer überdurchschnittlich häufigen Rehospitalisierung dieser Patienten mit einer Verweildauer von im Mittel 18 Tagen bei jährlichen Klinikskosten von geschätzten 1,5 Milliarden Euro.

Diese Situation kann und muss durch entsprechende Managed Care – Programme verbessert werden, wobei sich ein koordinierter, multidisziplinärer Ansatz unter Einbeziehung von Klinik, niedergelassenem Facharzt und Hausarzt als besonders erfolgversprechend erweisen dürfte. Der Telemedizin wird dabei eine entscheidende Funktion als zentrales Service- und Informationsinstrument zukommen, das den Informations- und Datenfluss zwischen Patient, Krankenhaus und niedergelassenem Arzt steuert und optimiert.

Die internationale Literatur berechtigt zu dieser Annahme, die Ergebnisse machen die offensichtlichen Vorteile einer telemedizinischen Überwachung im Sinne einer Effizienzsteigerung der medizinischen Versorgung bei gleichzeitiger Kostendämpfung evident. Eine synoptische Bewertung ausgewählter internationaler Studien aus England, USA, Australien und Schweden zur Effektivität des Telemonitorings unter klinischen und ökonomischen Aspekten zeigt überzeugend, dass die Hospitalisierungsrate, die Liegedauer, die Häufigkeit wiederholter Dekompensationen mit Intensivpflichtigkeit, sowie insbesondere auch die Wiederaufnahmerate bei multipel hospitalisierten Patienten signifikant abnehmen und damit zu einer erheblichen Kostenreduktion für Kliniks- und Intensivstationsaufenthalte führen.

Diese Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Entwicklung eines kardiologischen Telemonitoring-Programms durch PHTS. Dieses Programm garantiert eine konsequente Überwachung des Patienten im Stadium II–IV nach NYHA und ermöglicht durch  die engmaschige und lückenlose Erfassung gesundheitsrelevanter Daten eine optimierte Therapieführung und -steuerung. Per Telefon übermittelt der Patient vorgegebene Vitalparameter (z. B. Gewicht, Blutdruck, Sauerstoffsättigung) automatisch an das Telemedizinische Zentrum. Werden dabei individuell festgelegte Grenzwerte unter- bzw. überschritten, wird sofort ein Alarm ausgelöst, sodass umgehend therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden können. Unabhängig von Alarmreaktionen wird der Patient darüberhinaus im Stadium III–IV mindestens einmal pro Woche, im Stadium II zumindest zwei Mal monatlich proaktiv kontaktiert und in standardisierter Form befragt. Das Ziel ist dabei, die medikamentöse Compliance zu fördern und möglichst frühzeitig hinweisende Veränderungen im Gesundheitszustand des Patienten zu erkennen. Bei kardio-pulmonalen Symptomen und ernsthaften Beschwerden ist das Telemedizinische Zentrum ganzjährig rund um die Uhr für den Patienten erreichbar. Schulungsmaßnahmen zu Ernährung, Bewegung und Pharmakotherapie komplettieren das Programm und stärken den Patienten im selbstverantwortlichen Umgang mit sich und seiner Erkrankung.

Die in die Telemedizin gesetzten Erwartungen bei der Betreuung chronisch Kranker sind enorm. Allerdings wird der Einsatz der Telemedizin für Patienten, Ärzteschaft und andere Leistungsanbieter und -erbringer im Gesundheitswesen tief gehende, möglicherweise sogar radikale Veränderungen mit sich bringen. Das Interesse in der medizinischen Fachwelt ist groß: Gerade deshalb aber müssen Schwachpunkte identifiziert und beseitigt sowie Vorbehalte seriös und wissenschaftlich fundiert ausgeräumt werden. Datenschutz, operationelle und rechtliche Verantwortung vernetzt arbeitender Leistungsanbieter sowie eine gerechte Verteilung des Angebots sind gebührend zu berücksichtigen. Standesorganisationen, Kostenträger und Behörden sind gefordert und müssen Schritt halten. Richtlinien für Diagnostik, Therapie und Dokumentation müssen in vielen Bereichen neu definiert und geeignete Normen festgesetzt werden. Die Anwendungen müssen zuverlässig und ohne jede Gefährdung des Patienten funktionieren und setzen zeitgemäße Qualitätskontrollsysteme voraus, die sich auf festgelegte Arbeitsabläufe und vorbestimmte Prozesse stützen.

Fest steht, dass Telemedizin nur dann von Patienten, Leistungserbringern und Kostenträgern als sinnvolle und notwendige technische Neuerung akzeptiert werden wird, wenn die immanenten Möglichkeiten des Systems voll ausgeschöpft werden, sodass die Vorteile allen Beteiligten transparent werden. Diese Vorteile reichen von einer verbesserten Lebensqualität des Patienten, über Möglichkeiten zur Therapiesteuerung und -kontrolle für den behandelnden Arzt bis hin zur Möglichkeit der Kostenträger, Patienten für Disease Management Programme zu rekrutieren. Diese Akzeptanz ist jedoch keineswegs selbstverständlich: Das Eindringen multimedialer Kommunikations- und Informationstechnologien in das Leben der Patienten und in die tägliche Arbeit der Ärzte wird zu beträchtlichen Strukturveränderungen in gewohnten Ablauf- und Verhaltensmustern führen, die ernst zu nehmende Ängste bis hin zu ablehnendem Misstrauen auslösen könnten.

Eine wesentliche Aufgabe der Telemedizin wird sein, diese Widerstände durch ständige Information, durch Aus- und Weiterbildung und nicht zuletzt durch transparentes und zielstrebiges Handeln zu überwinden und in der Kooperation mit den medizinischen Partnern die Vorteile des Systems im Sinne einer erhöhten Lebensqualität bei gleichzeitig verbesserter medizinischer Versorgung und Kosteneffizienz evident zu machen.

Diskurs / Workshop I mit Intro: Dr. Martin Denz

Diskurs / Workshop I mit Intro: Prof. Dr. Karl-Friedrich Wessel

 

 

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