Lehr II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Erfolgreich Altern - psychologische Aspekte©

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ursula Lehr· Psychologie und Gerontologie, Past-Direktorin des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, Deutsches Zentrum für Alternsforschung (DZFA) an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg · Am Büchel 53b · D-53173 Bonn

  1. Was ist „erfolgreiches Altern“?

  2. Welches sind die Voraussetzungen bzw. die Gründe für „erfolgreiches Altern“?

  3. Wie wirken die verschiedenen Einflussfaktoren auf Langlebigkeit und Wohlbefinden zusammen?

Ein hohes Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden zu erreichen ist das Ziel der Menschheit seit Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts haben sich viele Untersuchungen, vor allem im angloamerikanischen Raum, mit Fragen des „successful aging“ befasst.

Ad eins

Erfolgreiches Altern ist eine Bezeichnung, die viele einzelne Aspekte umfasst. Es wurde von Robert HAVIGHURST als „innerer Zustand der Zufriedenheit und des Glücks“ umschrieben, der sich vor allem dann einstellt, wenn eine Zufriedenheit mit dem bisherigen Leben, mit der eigenen Entwicklung, und außerdem ein gewisses Wohlbefinden in der gegenwärtigen  Lebenssituation gegeben ist. Hier wirken sowohl extrinsische wie auch intrinsische Faktoren zusammen, günstige objektive Gegebenheiten als auch eine positive innere Einstellung. „Erfolgreiches Altern“ hat demnach eine objektive und eine subjektive Komponente.

Ad zwei

Fragt man, was ein „erfolgreiches Altern“ im Sinne einer Lebenszufriedenheit bewirkt, dann zeigen empirische Untersuchungen große interindividuelle Unterschiede. So ist beispielsweise die eine Persönlichkeit zufriedener, wenn sie starke innerfamiliäre Kontakte hat und die außerfamiliären Kontakte mit zunehmendem Alter reduziert, - die andere Persönlichkeit hingegen zeigt dann eine größere Zufriedenheit, wenn die innerfamiliären Kontakte sich reduzieren und die außerfamiliären Kontakte eher zunehmen. Darüber hinaus haben Längsschnittuntersuchungen auch starke intraindividuelle Unterschiede hinsichtlich der Zufriedenheit deutlich werden lassen: in manchen Entwicklungsphasen werden stärkere Sozialkontakte angestrebt, in anderen Entwicklungsphasen fühlt sich die gleiche Persönlichkeit bei verminderten Sozialkontakten zufriedener.

Zweifelsohne trägt ein guter Gesundheitszustand zur Zufriedenheit bei; doch hier kommt es neben dem „objektiven“, d. h. dem vom Arzt festgestellten Gesundheitszustand ganz stark auf den „subjektiven“ Gesundheitszustand an, auf das Sich-Gesund-Fühlen. Der subjektive Gesundheitszustand, der oft vom ärztlich diagnostizierten abweicht, bestimmt das Erleben und Verhalten in stärkerem Maße.

Vergleichbare Lebenssituationen, kritische Lebensereignisse, werden von verschiedenen Personen in unterschiedlichem Maße erlebt, je nach bisheriger Entwicklung (Vergangenheitsaspekt), je nach der Konstellation gegenwärtiger situativer Bedingungen (Gegenwartsaspekt) und je nach persönlichen Zukunftsorientierungen. Diese „kognitive Repräsentanz“ der Situation (THOMAE 1970) bestimmt das Verhalten, die Reaktionsweisen oder auch „Coping-Stile“, die mit zu einem „erfolgreichen Altern“ beitragen.

Als objektive Kriterien erfolgreichen Alterns werden Kompetenzerhaltung, Erhaltung der Funktionsfähigkeit und Langlebigkeit genannt.

Ad drei

Eine Vielzahl von Untersuchungen hat nachgewiesen, dass sowohl physiologische, genetische Faktoren  als auch psychologische, soziale und ökologische Faktoren sowohl direkten als auch indirekten Einfluss auf die Langlebigkeit haben, indem sie Persönlichkeit und Lebensstil mitbestimmen. Dabei handelt es sich um ein Bedingungsgefüge, in dem die einzelnen Faktoren in einem komplizierten Wechselspiel miteinander zu sehen sind.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass ein „erfolgreiches“ Altern, Lebenszufriedenheit und Langlebigkeit durch eine Vielzahl biologischer, psychischer und sozialer Variablen bestimmt wird. Ein „erfolgreiches Altern“ bei hoher Lebensqualität lässt sich weniger von außen beurteilen, sondern ist primär vom Individuum selbst zu beurteilen. Freilich, Gesundheit spielt eine große Rolle, aber auch bei gesundheitlich beeinträchtigten Menschen und bei jenen, die objektiv in schwierigen Verhältnissen leben, findet man oft ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit und erlebter Lebensqualität, während auch bei gutem Gesundheitszustand und objektiv guten Verhältnissen sich manchmal ein hohes Maß an Unzufriedenheit und verminderter Lebensqualität zeigt und das eigene Altern keineswegs als erfolgreich erlebt wird.

 

 

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