MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen"
Beitrag
zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Krankheit
und Therapiebedürftigkeit
©
Anmerkungen
über Geld und Macht der „big players“
MR
Prof. Dr. med. Frank P. Meyer ·
Institutsdirektor des Instituts für Klinische Pharmakologie ·Otto-von-Guericke
Universität, Medizinische Fakultät ·Leipziger
Str. 44 ·
D-39120 Magdeburg
-
Warum
werden gesunde Menschen durch unbiologische und unphysiologische Grenzwerte
in die Nähe von Krankheit und Therapiebedürftigkeit gerückt?
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Warum
können massive pharmakotherapeutische Interventionen zwar viele
Surrogatparameter verändern, aber die Prognose der Patienten quoad vitam
kaum verbessern?
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Werden
es die Ärzte zu Beginn des dritten Jahrtausends lernen, persönliche
Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erfahrungen zu verknüpfen, um ihre
Patienten sowohl rational als auch individuell behandeln zu können?
Ad eins
US-amerikanische
und deutsche Fachgesellschaften fordern für Erwachsene (>
18 Jahre) einen optimalen Blutdruck von < 120/< 80 mm Hg und
einen normalen Blutdruck von < 130/< 85 mm Hg. Danach hätte ein 60-jähriger
Mann mit einem Blutdruck von 150/90 eine Hypertonie Stadium 1 und wäre dringend
therapiebedürftig – koste es, was es wolle.
M.
Middeke (Chefredaktion Dtsch med Wschr)
formulierte [1]: „Es ist sehr viel Geld und auch Macht im Spiel. Das darf man
nicht außer Acht lassen, wenn man die »big players« der Szene betrachtet –
auch wenn sie unter WHO ... firmieren und inzwischen Kongresse und Journale
beherrschen.“ Konkret – 1998 betrug der Umsatz aller Antihypertonika 2.208,0
Mio. DM! Da verwundert es nicht, wenn mit allen Mitteln versucht wird, den Markt
zu erweitern und den Umsatz zu steigern. Wer nicht im »mainstream« schwimmt
und eine industrieunabhängige Sicht favorisiert, dem drohen Vereinsamung und Ächtung.
Mindestens
ebenso fatal sind die Folgen der Angabe von alters- und geschlechtsunabhängigen
Cholesterolwerten, die derzeit zu einer nahezu flächendeckenden Primärprävention
mit Statinen führen – bei gesunden Personen, die nur unter ihrem “erhöhten”
Cholesterolwert leiden. Jahresumsatz 1998 für Statine: 1.249,4 Mio. DM! Und das
alles zu Lasten der Solidargemeinschaft der Versicherten, die zunehmend überfordert
wird. Bismarck hatte ursprünglich andere Intentionen!
Ad zwei
Nach einer
Meta-Analyse (14 Studien, 37.000 Patienten) behaupteten Collins und seine
Mitarbeiter, dass durch eine massive antihypertensive Therapie die Häufigkeit
von Schlaganfällen und koronarer Herzkrankheit um 42 % bzw. 14 %
gesenkt wird [2]. Diese Aussagen waren für 10 Jahre therapieleitend. Die realen
Werte betrugen jedoch nur 1,07 bzw. 0.55 %, waren also kaum der Rede wert.
Auch die großen prospektiven Studien der 80er und 90er-Jahre (STOP, SHEP,
SYST-EUR, HOT) brachten trotz einer deutlichen blutdrucksenkenden Wirkung keine
besseren klinischen Resultate. In der HOT-Studie (1998) wurde gezeigt, dass eine
massive Senkung des diastolischen Blutdruckes von < 90 mm Hg
auf < 80 mm Hg die Häufigkeit der Herzinfarkte um 0,37 %
senkt [3]. Mit anderen Worten: Es müssen 270 Patienten über 4 Jahre massiv
therapiert werden, um einen Herzinfarkt zu vermeiden. Industrieabhängige »opinion
leaders« haben die unerheblichen 0,37 % in der Folge zu einer
Risikoreduktion von 28 % aufgebläht – irreführend und umsatzsteigernd.
Wer sich die HOT-Studie genau angesehen hatte, konnte schon 1988 wissen, dass es
nicht sinnvoll ist, bei 50- bis 80-jährigen Frauen und Männern den Blutdruck
unter 160/90 mm Hg zu senken.
Port
und sein Team lösten am 15. Januar 2000 in Lancet
das Rätsel [4]: Blutdruck ist alters- und geschlechtsabhängig. Erst jenseits
eines bestimmten Schwellenwertes (Männer: 120 + 2/3 des
Alters, Frauen: 114 + 5/6 des Alters) erhöht sich für
Patienten ohne weitere Komorbidität das Risiko zu sterben. Erst jenseits dieser
Schwellenwerte ist es sinnvoll zu intervenieren. Bei Diabetikern und anderen
Patientengruppen sind derart sichere Aussagen noch nicht möglich.
Unsere
altvorderen Doctores waren also gar nicht so schlecht. Schon vor 30 Jahren
existierte für den 60-jährigen Mann ein systolischer Grenzwert von 160 mm Hg!
Ad drei
Da
unter den gegebenen kultur-historischen und gesellschaftlichen Bedingungen
-trotz aller Sonntagsreden- die Profitorientierung gegenüber der Gesundheitsfürsorge
den Vorrang hat, wage ich zu bezweifeln, dass diese Idealvorstellung auch nur
asymptotisch erreichbar ist. Eine industrieunabhängige Fort- und Weiterbildung
scheint kaum denkbar zu sein. Der Arzt in der Praxis befindet sich gegenüber
den Argumenten von Firmenvertretern rasch und hoffnungslos in der Defensive,
sodass wissenschaftliche Erfahrungen (Evidence Based Medicine) sich nur sehr
verzögert in der Therapie widerspiegeln werden. Die persönlichen ärztlichen
Erfahrungen wurden aber schon 1993 von K. D. Bock
als die „Summe getrübter Erinnerungen“ charakterisiert [5]. Das ist nicht
übertrieben, wie wir in den letzten 10 Jahren erkennen konnten.
Ich
befürchte, dass in sehr vielen Fällen auch in Zukunft Firmenvertreter maßgeblich
die Therapie mitbestimmen werden.
Referenzen:
-
Middeke
M. »Furberg-Bias« – oder: Vom beliebigen Umgang mit Evidence-Based
Medicine. Dtsch Med Wschr 2001; 126: 151-2.
-
Collins
R, Peto R, MacMahon S, Hebert P, Fiebach NH, Eberlein KA, Godwin J,
Qizilbash N, Taylor JO, Hennekens CH. Blood
pressure, stroke, and coronary heart disease. Part 2, Short-term reductions
in blood pressure: overview of randomised drug trials in their
epidemiological context. Lancet
1990; 335: 827-38.
-
Hansson
L, Zanchetti A, Carruthers SG, Dahlöf B, Elmfeldt D, Julius S, Ménard J,
Rahn KH, Wedel H, Westerling S, for the HOT Study Group. Effects of
intensive blood-pressure lowering and low-dose aspirin in patients with
hypertension: principal results of the Hypertension Optimal Treatment (HOT)
randomised trial. Lancet 1998; 351: 1755-62.
-
Port
S, Demer L, Jennrich R, Walter D, Garfinkel A. Systolic blood pressure and
mortality. Lancet 2000; 355: 175-80.
-
Bock
KD. Wissenschaftliche und alternative Medizin. Berlin / Heidelberg / New
York etc.: Springer, 1993: 34.