Neitzke II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Stellung alter Menschen in der Medizin ©

Dr. med. Gerald Neitzke · Ethik und Theoriebildung in der Medizin · Medizinische Hochschule Hannover, Abt. Medizingeschichte und Ethik · Carl-Neuberg-Straße 1 · D-30625 Hannover

  1. Welche Möglichkeiten im Umgang mit Sterbenden lassen deutsches Recht und ärztliches Standesethos heute zu?

  2. Was prägt realiter den Umgang mit Sterben und Tod in der Medizin?

  3. Welche Auswirkungen hat die heutige Form der Medizin auf das Befinden alter Menschen?

Der Umgang mit Sterben und Tod in der Medizin berührt eine große Zahl moralischer Probleme. Hier trifft die Angst alter Menschen vor einer Überbehandlung durch eine technisierte Medizin auf die Unsicherheit von Ärztinnen und Ärzten in der Handhabung und Konkretisierung der einzelnen Elemente von Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Die durch Grundgesetz, Strafgesetzbuch, Betreuungsrecht und einzelne Gerichtsurteile fixierte Situation in Deutschland wird kurz referiert. Eine Analyse der Grundsätze der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung und der Handreichungen zum Umgang mit Patientenverfügungen gibt Auskunft über aktuelle Inhalte des ärztlichen Standesethos. Aktive Formen der Sterbehilfe sind verboten. Für die Formen der passiven Sterbehilfe, Therapieverzicht und Therapieabbruch, gilt der Patientenwille als entscheidungsleitend. Bei der Ermittlung des mutmaßlichen Patientenwillens sind Patientenverfügungen aussagekräftig aber interpretationsbedürftig. Gleichzeitig definiert die Ärzteschaft verpflichtende Elemente der Basisbetreuung und Begleitung Sterbender. 

In der Realität ist der Umgang mit Sterbenden in der Medizin nach wie vor moralisch konfliktreich. Ein von dem Psychologen Schulz von Thun etabliertes Konfliktanalysemodell soll helfen, diese Konflikte abzuleiten und zu erklären. Dabei nehmen die individuellen Einstellungen der Beteiligten zu Leben und Tod eine herausragende Stellung ein. Diese Einstellungen lassen sich bei Ärzten und Pflegenden bis in die Berufsmotivation hinein nachweisen. Die Interpretation von Patientenverfügungen und die Akzeptanz von Verfahren der passiven Sterbehilfe unterliegen so einer systematischen, aber der Analyse zugänglichen Verzerrung in der Wahrnehmung durch die verschiedenen Beteiligten. Die Bewusstmachung dieser verfälschten Wahrnehmung kann helfen, Konflikte zu lösen oder zu mildern. Auch eine Auseinandersetzung mit den sich im Verlauf des Lebens verändernden Hoffnungen kann zum Verständnis zwischen alten Menschen und Beschäftigten im Gesundheitssystem beitragen. Es wird plädiert für einen Umgang mit Sterbenden, der geprägt ist vom Recht auf Selbstbestimmung, Respekt vor den individuellen Lebenseinstellungen der Sterbenden und der Möglichkeit von Behandlungsverzicht bis hin zum Absetzen einer künstlichen Ernährung und bilanzierten Flüssigkeitszufuhr. 

Aufbauend auf dem zuvor Gesagten sollen in allgemeinerer Weise die Auswirkungen untersucht werden, die die heutige Form der Medizin auf den Umgang mit Alter und Leid hat. Die Qualität eines Gesundheitssystems lässt sich messen als die Diskrepanz zwischen dem Anspruch an und der Wirklichkeit und Realisierung von Gesundheit und Gesundheitsfantasien. Die heutige Medizin leistet effektive Hilfe bei vielen akuten und schwer wiegenden Gesundheitsstörungen. Sie orientiert sich an dem jungen, gesunden Körper und versucht, durch therapeutische Eingriffe dieses hohe Ziel von Gesundheit (wieder-)herzustellen. Ansprüche, die sowohl die Ausübenden der Heilberufe als auch die betroffenen Kranken an ihre Gesundheit haben, sind so hoch wie nie zuvor. Damit verbunden ist die Erwartung einer schnellen „Reparatur des Gesundheitsdefekts“. Die faktische Realisierung von Gesundheit hinkt notgedrungen immer weiter diesem Ziel hinterher. Es wird die These vertreten, dass diese Form der Medizin allein durch ihren eigenen Anspruch an Gesundheit eine zunehmend schlechte Qualität der realen Gesundheitsversorgung erzeugt. Dadurch steigt das individuelle Leid von chronisch Kranken und sterbenskranken Menschen, die schmerzhaft ihre immer größere Abweichung vom normierten Gesundheitsstandard erfahren. 

Je stärker eine (Gesundheits-)kultur auf die Erfassung und Beseitigung von Krankheit orientiert ist, desto weniger ausgeprägt sind ihre Fähigkeiten im Umgang mit Leid, in der Begleitung und Unterstützung Leidender. Dies hat Auswirkungen auch auf die (gesunden) alten Menschen und Gesunde überhaupt. Sie unterliegen ebenfalls dem hohen Erwartungsdruck an ihre eigene Funktionsfähigkeit und Gesundheit. Sie leiden bereits heute in Antizipation von Leiden, das sie als unerträglich bewerten. Dieser Druck wird noch verstärkt durch die Vorwegnahme von Krankheit durch die prädiktive Medizin. Das Testen von bestimmten Erbanlagen erzwingt bereits heute eine Auseinandersetzung mit dem möglichen (nicht notwendig auch wahrscheinlichen) Auftreten einer Krankheit in der Zukunft. Dies befördert eine völlig neue Qualität von Leid, auf das die Gesellschaft nicht vorbereitet erscheint. Es ist zu befürchten, dass dies das Augenmerk ebenfalls von den Bedürfnissen und Lebenseinstellungen alter Menschen lenkt. Nur eine aktive Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Leid und Tod kann dazu beitragen, Leidenden und Sterbenden hilfreich beizustehen und sensibel zu werden für ihre individuellen Bedürfnisse.

 

 

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