IV.
KÜHLUNGSBORNER
GESPRÄCHE
"Das Ethos
in der Heilkunde – Medizinische Gegenwart und Zukunft"
09. bis
11. Mai 2003
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Chronisch Kranksein
und die Arzt-Patient-Interaktion
©
Dr.
med. Gerald Neitzke ·
Ethik
und Theoriebildung in der Medizin ·
Medizinische Hochschule Hannover, Abt. Medizingeschichte und Ethik ·
Carl-Neuberg-Straße 1 ·
D-30625 Hannover
- Welche spezifischen Veränderungen
der Arzt-Patient-Beziehung ergeben sich bei chronischer Krankheit?
- Welche Auswirkungen hat das
auf die Kommunikation zwischen Arzt und Patient?
- Wie verändert moderne
Medizin den Umgang mit chronisch Kranken?
Die
Behandlung von akut bzw. chronisch kranken Menschen unterscheidet sich
hinsichtlich ihrer Zielsetzung. Während bei akut Erkrankten die Heilung, die
vollständige Gesundung als erreichbares Ziel im Vordergrund steht, benötigen
chronisch Kranke eine Unterstützung bei ihrem Versuch, mit der eigenen
Krankheit so gut wie möglich leben zu können. Zwei Elemente dieser Unterstützung
lassen sich identifizieren, die in der heilenden Medizin eine nur nachgeordnete
Bedeutung aufweisen: Als Teil der Unterstützung ist es notwendig, das Kranksein
als solches zu verarbeiten, einen Umgang mit der Tatsache des Krankseins zu
entwickeln; der Maßstab für das „gut-leben-Können“ sind die Einstellungen
und Lebensziele des individuellen Kranken und nicht objektive somatische oder
psychische Parameter.
Zur
Krankheitsverarbeitung ist es notwendig, sowohl die Krankheit als objektive als
auch das Kranksein als subjektives zu akzeptieren. Das Bekämpfen der Krankheit
hat für chronisch Kranke eine Grenze, die auch von ärztlicher Seite akzeptiert
werden sollte. Der Versuch, eine chronische Krankheit beseitigen zu wollen,
vergrößert letztlich das Leiden an dieser Krankheit. Die Akzeptanz der
Tatsache des Krankseins kann von ärztlicher Seite gefördert werden, indem die
oder der Kranke auch als krank angenommen wird. Dies erfordert aus Sicht der
heilenden Medizin einen Blickrichtungswechsel, der vor allem die Interaktion
betrifft.
Das
„gute Leben“ ist nicht nur Gesunden möglich. Auch als chronisch – und
damit meist unheilbar – kranker Mensch kann ich meinen Lebensplänen folgen,
meinen Vorstellungen von Lebensqualität Ausdruck verleihen. Ärztinnen und Ärzte
sollten diesen sehr individuellen Weg nicht nur begleiten, sondern aktiv unterstützen.
Wer Gesundheit lediglich als die Abwesenheit von Krankheit definiert, übersieht,
dass gerade die Kraft, mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung leben zu können,
etwas sehr Vitales und Gesundes ausdrückt. Kranksein kann somit durchaus als
Teil eines gelingenden Lebens verstanden werden.
So
wie aus Sicht des Arztes der Patient zum chronisch Kranken wird, wird aus Sicht
des Kranken der Arzt „chronisch Arzt“. Die Interaktion verändert sich, da
sich beide Rollen verschieben. Dies zeigt sich insbesondere in der
Arzt-Patient-Kommunikation. Anhand der Modifikation eines Konfliktanalysemodells
nach Schulz von Thun wird gezeigt, in welcher Weise die Bedürfnisse nach
Akzeptanz von Krankheit einerseits und Heilungsbedürfnis andererseits
kommuniziert werden können. Diese Sensibilität ist eine Voraussetzung dafür,
dass kranke Menschen ihr Kranksein annehmen können und somit ihre Kraft nicht
an den Versuch verschwenden, die Krankheit gänzlich beseitigen und überwinden
zu wollen. Die Sensibilität für diesen Umgang liegt in der Verantwortung der
Ärztinnen und Ärzte, sie sind somit Garanten für die Krankheitsverarbeitung
seitens der Erkrankten.
Die
Auswirkungen dieser skizzierten Einstellung und Haltung zu chronischer Krankheit
hat auch Auswirkungen auf die Medizin als Ganze. Es ist paradox zu beobachten,
dass gerade die Heilsversprechen, die an neue – noch nicht entwickelte –
Therapieformen geknüpft werden, die Verarbeitung und das Gelingen des
chronisch-krank-Seins negativ beeinflussen. Stichworte für diese Entwicklung
sind etwa „embryonale Stammzellen“, „Gentherapie“,
„Organtransplantation“ oder „therapeutisches Klonieren“. Der schillernde
Begriff der Hoffnung ist in der Medizin und in der Medienberichterstattung über
Medizin häufig einseitig auf Heilung ausgerichtet. Dies ist als solches nicht
moralisch illegitim. Bei der Folgenabschätzung solcher Heilsversprechen sollte
aber berücksichtigt werden, dass die aus dem Versprechen resultierende
Heilserwartung nur sehr unzureichend erfüllt werden kann.
Das Kranksein
wird durch keine Medizin abgeschafft werden können, genauso wenig wie die
chronischen Krankheiten. Es liegt in der Verantwortung der Medizin, den Umgang
mit chronisch Kranken zu gestalten. Deshalb ist die Frage berechtigt, welche Art
von Medizin wir als Gesellschaft, als Gesunde, bedingt Gesunde oder Kranke wünschen.
Eine Medizin, die Kranksein dadurch ausgrenzt und marginalisiert, dass sie
Heilung für alle verspricht oder impliziert, vergrößert das gesellschaftliche
Leid und verringert die Kompetenz im Umgang mit chronischem Leiden. Medizin
sollte daher neben die Heilungsversprechen auch ein Begleitungsversprechen
artikulieren und wissenschaftlich weiterentwickeln. Eine „Medizin für
Gesunde“, die sich an den wieder vollständig Genesenden orientiert, ist keine
menschliche Medizin, da sie das Kranksein als anthropologische Größe außer
Acht lässt.