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"Ethos, Innovation, Zukunftsgestaltung – Medizin und Heilkunde als Vertrauensmarke" 

30. April bis 02. Mai 2004 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Vortrag

Panakeia oder Pandora Menschenbild, Gesundheitsbegriff und moderne Wissenschaftsentwicklung im Zeitalter der Molekularen Medizin ©

Prof. Dr. rer. medic. Norbert W. Paul · Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin · Johannes Gutenberg-Universität Mainz · Am Pulverturm 13 · D-55131 Mainz

  1. Welchen Veränderungen unterliegt unser soziales und kulturelles Selbstverständnis vor dem Hintergrund der modernen Biomedizin und Lebenswissenschaften?

  2. Welche soziale Reichweite hat der molekulare Wandel des Gesundheitsbegriffs?

  3. Kann die Molekulare Medizin dazu beitragen, die Herausforderungen im Hinblick auf die Entwicklung der Gesundheitsversorgung zu meistern?

Wissenschaft allgemein und die Lebenswissenschaften vor allem übernehmen in westlichen Gesellschaften verstärkt die Rolle, plausible Vorannahmen über unsere nähere Zukunft zu generieren, um sie planbar und gestaltbar zu machen. Speziell im Bereich der Biomedizin hat die Entwicklung neuer molekularer Erklärungsmodelle und Methoden zu einem grundlegenden Wandel unseres Verständnisses von Gesundheit, Krankheit und der biologischen Zukunft des Menschen geführt. Öffentliche Debatten über die Zukunft der Medizin – etwa im Hinblick auf Forschung an humanen embryonalen Stammzellen –  in sich einander nahe stehenden Kulturen zeigen, dass Biowissenschaften und Molekulare Medizin als globale Phänomene einer weltweiten Forschungslandschaft durchaus auf lokaler Ebene zu unterschiedlichen Wahrnehmungen, Handlungen und Konsequenzen führen. Es ist zu erwarten, dass die praktizierte Medizin in verschiedenen Ländern unterschiedlich sein und bleiben wird, obgleich die wissenschaftlichen Voraussetzungen weitgehend identisch sind. Vor diesem Hintergrund ergeben sich die drei oben genannten zentralen Fragestellungen.

Die Beantwortung dieser Fragen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Definition von Entwicklungszielen, die eine gleichermaßen medizinisch sinnvolle, ethisch rechtfertigbare sowie sozial verträgliche biomedizinische Innovation ermöglichen.

Ad eins

Mit dem eben Gesagten ist zugleich vorausgesetzt, dass Gesundheit und medizinische Versorgung angesichts deutlich vorhersehbarer demografischer und epidemiologischer Entwicklungen selbst mittelfristig nicht ohne biomedizinische Innovation darstellbar sein wird. Daraus ergibt sich wiederum die Verpflichtung, unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit vor dem Hintergrund unseres spezifischen kulturellen – und historisch kontingenten – Handlungskontextes sowie unserer spezifischen gesellschaftlichen Werthaltungen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Phänomene wie die Wellness-Welle, verschiedene Diskussionen um die Überwindung unserer speziestypischen Beschränkungen bis hin zum "human bioengineering“ sind zwar Indizien dafür, dass die Suche nach einem veränderten sozialen und kulturellen Selbstverständnis vor dem Hintergrund von Biomedizin und Lebenswissenschaften begonnen hat, sie sind zugleich aber auch deutlicher Hinweis darauf, dass es wohl eher zu einer Vielfalt von parallelen Deutungs- und Bewertungsansätzen kommen wird als zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens [1–5]. An Stelle nun aber angesichts biomedizinischer Innovation den fröhlichen postmodernen Slogan "anything goes“ auszurufen, gilt es, auf der Basis sozialer Verantwortbarkeit und Ermöglichungsgerechtigkeit ein sozial tragfähiges, neues Gesundheitsverständnis zu entwickeln.

Ad zwei

Der molekulare Wandel des Gesundheitsbegriffs hat bereits jetzt – bevor Molekulare Medizin eine weit reichende klinische Wirksamkeit entfaltet hat – soziale Reichweite. So hat etwa das Konzept des genetischen Risikos, der genetischen Prädisposition für bestimmte Erkrankungen, zur Veränderung sozialer Wahrnehmungen und Verhältnisse geführt. Zu den am besten untersuchten Beispielen für diesen Wandel gehört die pränatale Diagnostik (von der einfachen Serumdiagnostik bis hin zur PID) sowie die prädiktive Diagnostik des weiblichen Brustkrebs (in der Regel anhand von Mutationsanalysen der Gene BRCA1/2). Auch diese Entwicklungen sind sowohl im Hinblick auf ihre historischen Wurzeln als auch aus theoretisch-konzeptueller wie normativer Sicht nicht voraussetzungslos. Es sind diese Voraussetzungen, die die Unterscheidung von wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Entwicklungen sowie von wünschenswerten und weniger wünschenswerten Optionen – und damit die prospektive Einschätzung der sozialen Reichweite der Molekularen Medizin erheblich erleichtern. Die Rolle, die hier eine rekonstruktiv argumentierende Ethik einnehmen könnte, soll ebenfalls diskutiert werden.

Ad drei

Die demografische Entwicklung (Stichwort "Alternde Gesellschaft“) stellt uns vor die Herausforderung, über Alternativen zu einem vorrangig kurativ ausgelegten Versorgungssystem nachzudenken. Das bestehende System wird aller Voraussicht nach nicht in  der Lage sein, der Zunahme an chronischen und teils mit hohem Pflegeaufwand verbundenen Erkrankungen durch die Vorhaltung entsprechender Versorgungsleistungen in vollem Umfang aufzufangen. Insbesondere die Nutzung prädiktiv-präventiver Strategien könnte ein Beitrag der Molekularen Medizin zur Stabilisierung oder Verbesserung von Gesundheitsverhältnissen – auch im Bereich altersassoziierter Erkrankungen – sein. Dazu muss jedoch das Verhältnis von öffentlicher Gesundheit und Genetik im Rahmen einer Debatte um eine sozial verantwortbare "Public Health Genetics“ geklärt werden. Wesentliche Elemente einer solchen "Public Health Genetics“, die abklärungsbedürftig sind, werden vorgestellt.

Referenzen:

  1. Brahm G. The Post-Human Condition: The Disappearance of Power and Public Space in American Political Culture; Ph. D.-thesis. University of California Santa Cruz, 1999.

  2. Diprose R. A 'Genethics' That Makes Sense. In: Cartographies: Poststructuralism and the Mapping of Bodies and Spaces. Diprose R, Ferrell R. eds. North Sydney [Australia]: Allen & Unwin, 1991.

  3. Holub RC. Crossing Borders: Reception theory, Poststructuralism, Deconstruction. Madison, Wis: University of Wisconsin Press,1992.

  4. Paul NW, Ganten D. Zur Zukunft der Molekularen Medizin. In: Honnefelder L, Mieth D, Propping P, Siep P, Wiesemann C. Hrsg. Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen. Berlin. De Gruyter, 2003: 103–14.

  5. Sassower R. Cultural Collisions: Postmodern Technoscience. New York: Roulede, 1995.

 

 

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