Reimann II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

Home
Nach oben
Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Zur Rolle der Politik: die Gesetzgebung zwischen ethischen Anforderungen und individuellen Gestaltungswünschen ©

Dr. rer. nat. Carola Reimann, MdB · Biotechnologie und Ethik · Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages „Recht und Ethik der modernen Medizin“ · Bundeshaus Platz der Repubik 1 · D-11011 Berlin

  1. Können ethische Mindeststandards für die Gesellschaft definiert werden und ist Gesetzgebung ein taugliches Mittel zur ethischen Grenzziehung?

  2. Wie kann ethische Grenzziehung in praktische Politik umgesetzt werden?

  3. Ist eine ethische Grenzziehung trotz Globalisierung möglich?

Ad eins

In Deutschland ist die Geburtenrate niedrig, der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt. In wenigen Jahrzehnten wird die Gruppe der über 60-jährigen die größte Bevölkerungsgruppe sein. Damit werden Alterungsphänomene wichtiger. Ebenso müssen die Interessen der Älteren politisch stärker berücksichtigt werden.

Der Gesundheitsaspekt bekommt größeres Gewicht. Hier geht es nicht nur um Probleme der Solidargemeinschaft: Bezahlbarkeit, Verteilung der Lasten usw. Es geht darum, wie Altern möglich sein kann. Politik kann Altern gestalten und damit der medizinischen Forschung die Richtung vorgeben.

Politik ist von Ethik wesensmäßig unterschieden, denn Politik folgt anderen Rechtfertigungszwängen als Ethik. Ethik als akademische Disziplin folgt einer Wahrheit/Falschheit-Kodierung. Die Möglichkeit von Ethik, ethische Normen sowie deren universelle Verbindlichkeit müssen argumentativ begründet werden. Dazu bedarf es eines kohärenten und zweifelsfreien Systems rationaler Aussagen. Ethische Handlungszusammenhänge entsprechen der Sachgemeinschaft nach Plessner [1]. Das menschliche Gefühlsleben als auch die konkrete und entscheidungsfordernde Alltagssituation sind durch akademische Ethik nicht berücksichtigt.

Politik setzt eine nicht reduzierbare menschliche Willensfreiheit voraus. Es geht daher nicht um Wahrheit, sondern um Willensbildung. Politikmodelle, wie z. B. die Demokratie, folgen allgemeinen ethischen Normen. Politisches Handeln ist aber auch konkreten Alltagssituationen verpflichtet, setzt daher über Entscheidungen selbst Normen. Diese Normen werden rechtlich und institutionell als verbindlich abgesichert. Recht und Institutionen sind aber nur demokratisch legitim, wenn sie den Willen wenigstens einer Mehrheit entsprechen. Je legitimer eine Norm ist, desto weniger Zwang ist nötig, um ihre Befolgung zu erreichen.  Für ethische Grenzziehung durch Gesetze genügt also nicht nur verstandesmäßige Einsicht in eine Wahrheit, sondern es bedarf der Aushandlung der Willen vieler. Für die akademische Wahrheitsfindung genügt im Idealfall eine Person, für Politik ist eine Vielheit Voraussetzung.

Ad zwei

Definiert und bewertet werden Alter, Krankheit und Tod immer abhängig von einem historischen Kontext. Zu diesem Kontext gehört zum Beispiel die Entwicklung der Medizin. Zu diesem Kontext gehören auch die gesellschaftlichen Beziehungen, innerhalb derer Altern stattfindet und als solches wahrgenommen wird.

Eine theoretische Vorausbestimmung von Alter und der Art und Weise des Umgangs damit kann problematisch sein. Zeitlose Wahrheiten schaffen Begriffshierarchien und schränken viele Handlungsmöglichkeiten von vornherein ein. Der fortdauernde gesellschaftliche Wandel kann dazu führen, dass die Begriffe der Theorie in der Realität keine Entsprechung mehr finden. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik wirft zudem neue ethische Probleme auf, die nicht a priori gelöst werden können.

Politik braucht daher eine Perspektive, die dem Phänomen des Alterns die Heterogenität zugesteht, die es empirisch hat. Allgemeine ethische Betrachtungen werden gehaltvoller durch den Rückbezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sich die Gegenstände dieser Betrachtung bilden.

Ethikkommissionen können Politik und Ethik realitätsnah zusammenführen. An Stelle einer „Verwaltung ererbter Normen“ kann die ethische Diskussion im Fluss gehalten werden. Ethikkommissionen können prüfen, inwiefern ethische Forderungen den konkreten Lebenssituationen gerecht werden. Durch eine paritätische Beteiligung von gesellschaftlichen Gruppen können vielfältige Interessen artikuliert werden.

Ad drei

Wissenschaft ist ein gesellschaftlicher Prozess, der spezifisch organisiert ist. Die Ergebnisse wissenschaftlichen Handelns werden danach bewertet, ob sie sich nach Wahrheit oder Falschheit einordnen lassen. Die formale Struktur von Wissenschaft erlaubt die Verknüpfung einzelner Aussagen zu Aussagensystemen. Es entsteht Ordnung, die eine irreversible Eigenzeit des Wissenschaftssystems hervorbringt. Diese Eigenzeit ist bedingt durch den Zuwachs an Wissen und Komplexität. Diese Zuwächse erfahren eine nonlineare Beschleunigung.

Die Gegenstände der (Natur)Wissenschaft sind nicht zwangsläufig politische Gegenstände. Sie müssen erst als politische Gegenstände begriffen werden. Dabei ist das politische System langsamer als die Wissenschaft. Während Wissenschaft spezifische Phänomene auf nach Möglichkeit universelle Prinzipien (Naturgesetze) zurückführt, sind politische Gegenstände auf  bestimmte Personen in bestimmten Körperschaften an bestimmten Orten bezogen. Lokale Verhältnisse, z. B. die deutsche Geschichte in ihrer Besonderheit, bedingen die Eigenzeit des politischen Systems.

Durch Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft entstehen Tatsachen außerhalb des eigenen politischen Raums, die aber auf diesen zurückwirken. Diese Tatsachen, Manifestationen der Interessen bestimmter Personengruppen, engen zunächst den Spielraum politischen Handelns und Gestaltens ein. Diese Entwicklung ist zunächst dynamischer als deren politische Verarbeitung. Diese Dynamik kann nicht durch verneinende Verbote verhindert werden.

Politik kann die Entwicklung aber steuern. Die von der Wirtschaft und Wissenschaft für das Gemeinwohl entstehenden Konsequenzen können an die Protagonisten dieser Systeme zurückgebunden werden. Durch die Herstellung von Öffentlichkeit kann geprüft werden, ob die Konsequenzen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Handelns dem Willen verschiedener Interessengruppen entsprechen oder nicht. Eine solche Kooperation der Interessengruppen kann ergebnisoffen sein: Erst im Verlauf einer gemeinsamen Willensbildung werden die Ergebnisse wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Handelns als positiv oder negativ bewertet.

Referenz:

  1. Plessner H. Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin: de Gruyter, 1975.

 

 

EVE / Heiligendammer-Gespräche

Fon +49 (0)40 52640235 · Fax +49 (0)40 52640236 · eMail info@heiligendammer-gespraeche.de