Schommers II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Wahrheit in der Physik und mögliche Folgerungen für die Ethik ©

Prof. Dr. rer. nat. Wolfram Schommers · Forschungszentrum Karlsruhe, Institut für Nanotechnologie · Postfach 3640 · D-76021 Karlsruhe

  1. Können wir die absolute Wahrheit erkennen?

  2. Kommt die Physik ohne metaphysische Elemente aus?

  3. Ist Ethik ohne Weltbild möglich?

Für die Ethik ist es sicherlich wichtig, dass die den Handlungen zu Grunde liegenden Gegenstände und Situationen hinreichend gut bekannt sind, um eben verantwortungsvolle Handlungen an ihnen vornehmen zu können.

Das läuft direkt auf die folgende Frage hinaus: Was wissen wir über die "Welt draußen"? Das ist eine sehr prinzipielle Frage, und wir wollen diese Frage vom Standpunkt der Physik aus beantworten. Zur "Welt draußen" gehört alles: Natur, Tiere und Menschen. Inwieweit kann eine Ethik von den Strukturen der Physik her beeinflusst werden? Das ist die Kernfrage, der wir hier nachgehen wollen.

Die Entwicklung der modernen Physik begann im Wesentlichen mit Isaac Newton. Newton befasste sich unter anderem mit der Bewegung von Himmelskörpern, und er brachte wirklich etwas Neues ins Spiel, eine neue Methode, nämlich die Welt wissenschaftlich-mathematisch zu analysieren.

Vor der Zeit Newtons glaubte man durchweg, dass die Ereignisse in Feld und Wald -und natürlich erst recht am Himmel- von Göttern, Halbgöttern, launischen Feen und anderen mystischen Erscheinungen maßgeblich beeinflusst würden. Das änderte sich grundlegend mit Newtons neuer Sicht. Denn Newton konnte etwas über die Bewegung der Himmelskörper aussagen, auch ohne Götter oder gar launische Feen bemühen zu müssen.

Der entscheidende Punkt ist, dass die Newtonsche Theorie die Bewegung der Himmelskörper vollständig beschreibt. Es sind also außer der von Newton eingeführten Gravitation keinerlei sonstigen Einflüsse wirksam, also auch keine Götter, Halbgötter oder gar launische Feen. Denn die Rechnungen decken sich so präzise mit den Beobachtungen, dass es geradezu abwegig wäre anzunehmen, dass bei der Bewegung noch irgendwelche anderen Faktoren wirksam wären, die nicht in den Newtonschen Bewegungsgleichungen enthalten sind.

Mit der Newtonschen Theorie glaubte man, die Wahrheit in den Händen zu haben, oft sogar die Wahrheit über den Menschen oder das Leben überhaupt. Das glaubt man heute auch noch im Zusammenhang mit neueren Theorien. Viele Bücher sind bereits auf den Markt gekommen, die direkt oder zumindest unzweideutig suggerieren, dass wir den "Plan Gottes", also die absolute Wahrheit, bald in den Händen haben werden. Können wir wirklich mit unseren Mitteln die absolute Wahrheit erfassen?  Kann der Mensch bis auf den letzten Grund der Welt blicken? Kann insbesondere das, was wir unmittelbar vor Augen haben, mit der absoluten Wahrheit identifiziert werden.

Es lässt sich herausarbeiten, dass die Vorstellungen, die im Rahmen der Theoretischen Physik angesprochen werden, kaum der absoluten Wahrheit entsprechen können, also nicht die absolute Wirklichkeit beschreiben können. Ebenso lässt sich zeigen, dass wir mit der Physik zwar die Götter und Feen aus unserer unmittelbaren Vorstellung vertrieben haben, aber nicht das Metaphysische im Allgemeinen. Es ist bisher nicht gelungen, eine physikalische Theorie zu entwerfen, die auch tatsächlich ohne metaphysische Elemente auskommen könnte. Andererseits gibt es keine qualifizierte Aussage über die Realität draußen ohne physikalische Theorie.

Die Verhältnisse können gut verstanden werden, wenn man zwischen der eigentlichen Wirklichkeit und dem Bild von der Wirklichkeit unterscheidet. Unmittelbar vor Augen haben wir immer nur das Bild von der Wirklichkeit und keineswegs die Wirklichkeit direkt. Die Theoretische Physik beschreibt die Verhältnisse im Bild, aber es wird eigentlich immer vorausgesetzt, dass die Strukturen in der Realität draußen mit denen im Bild identisch sind. Aber dieser Standpunkt ist kaum haltbar: Die Strukturen in der Realität draußen sollten verschieden von denen sein, die wir im Bild vorfinden. Das bedeutet aber, dass wir eine transformierte Wirklichkeit vor Augen haben. Es ist dann so, dass der Mensch über die Strukturen in der absoluten Wirklichkeit, also über die Realität draußen, keinerlei Aussagen machen kann. Natürlich gilt das auch für das Leben bzw. den Menschen selbst: Wie er selbst bzw. sein Mitmensch in der absoluten Realität strukturiert ist, bleibt ihm grundsätzlich verborgen.

Diese Bilder von der Wirklichkeit sind im Gehirn des Beobachters positioniert, auch wenn wir den Eindruck haben, dass alles außerhalb von uns im Raum gelagert ist. Dass wir lediglich eine transformierte Wirklichkeit wahrnehmen, hat die Natur aus Zweckmäßigkeitsgründen eingerichtet; das Gehirn hat sich im Rahmen der Evolution entwickelt, und die Evolution ist nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Die Evolution hat nicht vorgesehen, dass uns die Welt draußen vollständig und wahr erscheint, sondern beschränkt und zuverlässig.

Das alles muss grundlegend wichtig sein, wenn wir uns mit den Normen menschlichen Handelns  und deren Rechtfertigung befassen, wenn wir uns also mit Ethik befassen. Es wird begründet, dass wir einer Welt (Natur, Tiere, Menschen) gegenüberstehen, mit der wir fantasievoll und vorsichtig umgehen müssen, weil wir eben aus den genannten Gründen nur wenig von ihr wissen; außerdem ist unser menschlicher Standpunkt ein sehr spezifischer. 

 

 

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