Schütz II
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2001

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf den Alterungsprozess des Menschen" 

Beitrag zum II. Ethik-Symposium: 04. bis 06. Mai 2001 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Altern als "Spielball" von Einflüssen ©

Prof. Dr. med. Rudolf-M. Schütz · Medizinische Universität zu Lübeck, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) · Zwingli-Str. 22 · D-23568 Lübeck

  1. Welche Faktoren können Altern beeinflussen? Ist der Mensch ihnen hilflos ausgeliefert?

  2. Warum ist es sinnvoll für das Individuum gleichermaßen wie für die Gesell­schaft, Altern aktiv zu gestalten?

  3. Ist Altern ein Schicksal oder eine große Chance für den Einzelnen und/oder die Gesellschaft?

Es ist eines der faszinierendsten – allerdings negativen – Beispiele für ein kollektives Desinteresse, dass unsere leistungs- und anpassungsfähige Gesellschaft auf die gewaltigen demografischen Veränderungen am oberen Lebensende so wenig reagiert. Längst erkennen wir, dass die Altgewordenen Bedürfnisse haben, die ihnen die Gesellschaft in vielen Bereichen nicht zugesteht bzw. befriedigt. Und wir wissen, dass mit der Bevölkerungsentwicklung die Wahrscheinlichkeit des Risikos von Pflegebedürftigkeit und Demenz in den höchsten Altersstufen anwächst. Überdeutlich zeichnet sich ab, dass ein zunehmender Anteil älterer Menschen zukünftig in Versorgungseinrichtungen wird leben müssen, wenn die derzeitige Entwicklung eines Null-Wachstums der Bevölkerung anhält und damit vorauszusehen ist, dass ein familiäres Versorgtsein im Alter eher die Ausnahme werden wird.

Diese Bürde wirkt sicher schwer für die Allgemeinheit: Denn die Langlebigkeit hat eine Revolution heraufbeschworen, welche die Grundlagen der Gesellschaft in der ganzen Welt erschüttert und unsere Haltung gegenüber Leben und Tod maßgeblich verändern muss. Ich erinnere daran, dass die Altersgruppe jenseits des 85. Lebensjahres mittlerweile den am schnellsten wachsenden Bestandteil der Bevölkerung darstellt und andererseits die Sterbeziffer der Älteren zurzeit am deutlichsten sinkt.

Diese Tatsachen werden mit der Formel des „demografischen Wandels“ bezeichnet, den Kirkwood als Triumph ansieht, während die Allgemeinheit überwiegend dazu neigt, die Gefahren der revolutionären Verlängerung des Lebens zu beschwören und dabei Fortschritte zu unterschlagen, welche neuen Horizonte sich durch diese Entwicklung eröffnet haben.

Alter und Altern: Bei diesen Begriffen erinnert sich heute kaum noch einer daran, dass sie sprachgeschichtlich etwas Herausragendes, hoch Gewachsenes oder Besonderes bezeichnen. Sie werden heute umgangssprachlich – das gilt aber mittlerweile auch schon für den Begriff „Senior“ – als Synonyme und fast nur negativ besetzt und/oder zur Beschreibung eines statischen Zustandes benutzt: An die Tatsache, dass Altern ein das Leben lang laufender Prozess ist und noch Entwicklungsmöglichkeiten beinhaltet, denkt dabei kaum einer. Wer erin­nert sich nicht, dass man von einem Sportler, der eine erwartete Höchstleistung nicht erbracht hat, sagt: „Der hat heute aber alt ausgesehen“? Und werden nicht auch in der öffentlichen Diskussion immer häufiger negativ wertende Begriffe wie „Alterslast“ oder „Überalterung“ gebraucht, um bisher unbekannte demografische Entwicklungstrends zu beschreiben, wobei übersehen wird, dass es keinerlei Norm für eine „richtige Zusammensetzung“ der Bevölkerung gibt? Eigene Umfragen belegen dann auch, dass innerhalb der Bevölkerung Altern sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.

Der Wunsch, möglichst alt zu werden, ohne die negativen Aspekte des Altseins zu erleben, hat vermutlich die Menschheit seit jeher bewegt und gilt auch heute noch unverändert. Diese Annahme lässt sich für die Vergangenheit herleiten aus den Aufzeichnungen der großen Religionen und Philosophien, in denen gesundes hohes Alter als Gnade dargestellt und als Belohnung gepriesen sowie Verhaltensregeln angeboten wurden, um ein solches zu erreichen. Altern und Entbehrung als Krankheit dagegen galten als harte Prüfung oder gar Strafe.

Vielfältig waren Wege und Elixiere, derer der Mensch sich aus der Sehnsucht und auf der Suche nach gesundem Alter bediente. Von diesen allen hat nur die Aussage von Hippokrates bis heute Gültigkeit behalten, dass nämlich Prävention – d. h. Vorsorge für und Vorbereitung auf ein gesundes Altern – schon in der Kindheit greifen müsse und Voraussetzungen dafür eine mäßige Lebensführung sowie die Übung von Körper und Seele seien.

In der Gegenwart werden unverändert Medikamente gegen das Altern und für das Jungbleiben angeboten. Empfehlungen zu bestimmten Enzymen oder Wirkstoffen aus Knoblauch oder Gingkoblättern z. B. beherrschen heute das Feld, ferner spezielle Diätkuren sowie der Einsatz von Spurenelementen oder so genannten Radikalenfängern: Ein schlüssiger Beweis für deren Wirksamkeit steht aber noch aus.

Leider werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse oft unkritisch der Allgemeinheit vermittelt: Zum Beispiel haben kürzlich amerikanische Forscher berichtet, dass sie die maximale Lebensdauer bestimmter Spezies durch eine kalorienrestriktive Diät verlängern konnten. Diese Mitteilung wurde von den Medien sofort aufgegriffen, aber voreilig und falsch weitergegeben mit der Behauptung, die Ergebnisse seien auch für den Menschen schon erfolgreich erprobt und deshalb auf ihn zu übertragen.

Als Grundlage für ein besseres Verständnis aller Probleme will ich versuchen aufzuzeigen, was Altern funktionell bedeutet, wie Gesundheit im Alter zu verstehen ist, was man zur Förderung oder zum Erhalt der Gesundheit unternehmen kann und schließlich auch zu untersuchen, welche außerhalb der biologischen Bereiche liegenden Einflussfaktoren von herausragender Bedeutung sind oder sein können.

 

 

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