Grußwort zum ersten Kühlungsborner Ethik-Symposium
von Frau Professor Dr. Dr. h.c. Rita Süssmuth
Medizinische Ethik im 21. Jahrhundert.
Zur Anthropotechnik der Menschlichkeit
12. bis 14. Mai 2000
Stadt Ostseebad Kühlungsborn
"Verantwortung
und Ökonomie in der Heilkunde"
Ich freue mich, dass durch das Symposium "Medizinische Ethik im 21.
Jahrhundert – Zur Anthropotechnik der Menschlichkeit" gleich mehrfach
Zeichen gesetzt werden sollen. Zum einen soll versucht werden, dem teils
dramatisch anmutenden Wertewandel unserer Zeit zumindest von der wichtigen
heilkundlichen Seite aus Sinn und Richtung zu geben. Zum anderen soll für die
sich wandelnde Medizin gemeinschaftlich geprüft werden, ob neben dem
unabdingbaren Sachverstand seiner Akteure auch Fragen der Kultur, der
Philosophie, der Moral und religiöser Überzeugungen grundsätzlich mit berücksichtigt
werden müssen, zumal die naturwissenschaftlichen Kriterien von Objektivität,
Exaktheit, Wiederholbarkeit und (rechts-)verbindlicher Gültigkeit sich
erfahrungsgemäß nicht bruchlos in der Heilkunde umsetzen lassen. Wir alle
haben im Laufe unseres Lebens mehrfach und recht unterschiedlich Erfahrungen mit
der Heilkunde gemacht oder werden diese Erfahrungen bei einem noch jungen Leben
machen. Und wir wissen, dass die Beziehung zwischen Behandler und Behandeltem
eine sehr sensitive ist oder sein wird. Sie ist und bleibt zu guten Teilen immer
"geheimnisvoll" und entzieht sich damit in gewisser Hinsicht den
Grenzen einer Qualitätskontrolle. Eine "gute" Beziehung zwischen
Behandler und Behandeltem sollte stets von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung
getragen sein. Sie zeichnet sich aus durch wechselseitige Kommunikation,
heilsame Empathie und wird von Behandlerseite aus getragen durch eine
professionelle "Complaisance" und der hohen Verantwortlichkeit für
den Hilfe Suchenden.
Heute bleibt fraglich, warum diese bislang "gute" Beziehung derzeit
als gefährdet gelten muss. Die kritische Prüfung der "Balance"
zwischen Technik und Mensch fällt nicht mehr zweifelsohne zu Gunsten des
Menschen aus. Zukünftig wird es vermehrt um die moralethisch tragfähige
Bestimmung einer anthropotechnischen Medizin und Heilkunde gehen. Die in der
Zukunft tragfähigen Gesundheitseinrichtungen, Heil- und Managementkonzepte
werden Gefahr laufen, ohne die Ärzte-, Patienten- und auch
Seelsorgercomplaisance auszukommen. Ob diese Art von Heilkunde eine unbeseelte
Medizin sein wird, ist aber noch keineswegs entschieden. Dass auf dem Symposium
zur "Medizinischen Ethik im 21. Jahrhundert" sich dieser
Fragestellungen angenommen werden soll, ist ein mutiger und, im Sinne einer
zutiefst menschlich bleibenden Medizin, ein wichtiger Schritt. Sollte die
Heilkunde künftig tatsächlich vorrangig von Assurance- und
Wirtschaftlichkeitskonzepten abhängig werden, müssten wir uns über kurz oder
lang mit Fragen zum "Menschenpark" auseinanderzusetzen.
Im positiven Sinne sollten bei einem sich gegenwärtig wandelnden
Gesundheitssystem Stichworte wie "Care-Management" und "Community
Health-Care" für uns klar umschreibbare Begriffe werden. Und auch hier
wird es um Kostenkontrolle, Qualitätssicherung, Transparenz und
Standardisierung gehen. Wenn dabei die Normen, Werte, Prinzipien und Tugenden
immer kurzlebiger werden und immer wieder neu zur Disposition stehen, gilt es
die Ethik nachhaltig und fest in das Gesundheitssystem zu integrieren.
Sollte die Ethik bei diesem Prozess immun gegen die ökonomiebestimmten
Wertegebungen werden, hätten wir am Ende des Weges eine menschenunwürdige
Heilkunde. Den derzeitigen Ökonomisierungsprozess mit einer pflegerischen und
heilkundlichen Ethik zutiefst und fest zu verbinden, sollte aber ein
lohnenswerter Versuch sein. Ein kleiner Schritt in diese Richtung soll mit dem
ersten medizinischen Ethik-Symposium gegangen werden.
Ich wünsche dem Ethik-Symposium und allen daran Beteiligten in dem wunderschönen
Seebad Kühlungsborn eine kreative Tagungszeit, gefüllt mit Ideenreichtum und
zahlreichen Anregungen sowie für die Zukunft einer menschenwürdigen Heilkunde
eine möglichst breite Resonanz und Fortsetzung.
