MEDIZINISCHE
ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT
"Exogene
Einflussnahme auf werdendes menschliches Leben"
Beitrag
zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002
· Seebad Kühlungsborn
Abstract:
Frühgeborene
und Gesundheitsökonomie - (k)ein
Thema in Deutschland ©
Prof.
Dr. med. Helmut Brunner ·
Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität
zu Köln ·
Gleueler Straße 176 - 178 / III ·
D-50935 Köln
-
Welche
medizinischen, sozialen, ethischen und ökonomischen Probleme treten bei der
medizinischen Versorgung und Betreuung Frühgeborener auf?
-
Gibt
es valide Daten zu den Kosten der Versorgung Frühgeborener im Vergleich zu
den Kosten bei Kindern, die nach der Vollendung der 36.
Schwangerschaftswoche geboren wurden und darf zum anderen die
Knappheit materieller Ressourcen bei der medizinischen Versorgung Frühgeborener
eine Rolle spielen?
-
Welche
ökonomische Bedeutung hat die Prävention einer frühzeitigen Geburt und wo
könnte die Forschung ansetzen?
Ad
eins
In
den westlichen Industrieländern werden 6–10 % aller Kinder vor der
Vollendung der 36. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht von weniger als
2.500 g, 0,6 % vor der 28. Woche mit weniger als 1.000 g und
0,2 % vor der 25. Woche mit dem extrem niedrigen Gewicht von unter 750 g
geboren. In Deutschland kommen jährlich etwa 7.500 Kinder, 1 % aller
Neugeborenen, vor der 32. Schwangerschaftswoche, davon 1.500 extrem unreife
Frühgeborene, lebend zur Welt. Durch die Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten
in der modernen Neonatologie und Intensivmedizin ist das Geburtsgewicht, bei dem
mehr als die Hälfte der Frühgeborenen überleben, von 850 g im Jahr 1985
auf weniger als 600 g im Jahr 1996 gesunken.
Bis
zu 30 Prozent der Frühgeborenen sind von bleibenden schweren motorischen oder
kognitiven Störungen betroffen, jedes Vierte der Kinder besucht später eine
Sonderschule. Unreifgeburt ist auch mit sozialen Nachteilen bei der Mutter
verbunden, wie niedriges Einkommen, häufige Schwangerschaften in kurzen
Intervallen sowie Rauchen, höheres Lebensalter, hoher Blutdruck und
Infektionen. Die Entwicklung der Kinder hängt
vom sozialen Umfeld des Elternhauses ab. Es besteht doppelte Benachteiligung,
sozial schwache Eltern haben mehr Frühgeborene, die wiederum in diesen Familien
schlechtere Entwicklungschancen haben. Dass hieraus auch höhere Kosten
im Gesundheitswesen entstehen, liegt auf der Hand.
Ad
zwei
Es
besteht eine klare Beziehung zwischen dem Grad der Unreife, der Höhe der Kosten
für die medizinische Versorgung und für die spätere Betreuung der Kinder [1].
Ein wesentlicher Kostenfaktor ist zum Beispiel die mittlere Verweildauer im
Krankenhaus. Sie beträgt in Deutschland 120 Tage für Frühgeborene, die vor
der 26. Schwangerschaftswoche (SSW) und immer noch 90 Tage für Frühgeborene,
die zwischen der 26. und 27. SSW zur Welt kommen. Die neonatale Versorgung ist
kosteneffektiv, weil Kinder, die keine Überlebenschance haben, meist nur einige
Tage leben und ihre Versorgung daher wenig zu den Gesamtkosten der
Neugeborenenbetreuung beiträgt.
Die
„traumatische“ Verbindung zwischen Medizin und Ökonomie hat u. a. die
„Diagnosis related groups (DRGs)“ hervorgebracht, die eine bessere
Kostenzuordnung zu einzelnen Krankheitszuständen ermöglichen. So konnte nach
Einführung der „Australien-refined DRGs“
gezeigt werden, dass in Australien 45 % des Budgets, das für die
Versorgung Neugeborener ausgegeben wird, für die ca. 7 % der Kinder mit
einem Geburtsgewicht unter 2.500 g benötigt wird. Zehn Prozent der Kosten
nahmen die 0,4 % der unter 1.000 g schweren Kinder in Anspruch [1]. Eine
wichtige Frage ist, wann bei Frühgeborenen an der Grenze der Lebensfähigkeit
eine aktive neonatale Therapie im Kreißsaal begonnen werden soll? Dies ist eine
sehr schwierige Entscheidung, da es offenbar nicht möglich ist, die
individuelle Überlebenswahrscheinlichkeit eines Frühgeborenen mit den im Kreißsaal
zur Verfügung stehenden Informationen vorherzusagen. Den Empfehlungen deutscher
Fachgesellschaften wird der Grundsatz vorangestellt: „Lebenserhaltende Maßnahmen
sind zu ergreifen, wenn für das Kind auch nur eine kleine Chance zum Leben
besteht“ [2]. Dann folgen nach Gestationsalter differenzierte Aussagen, die
mit der Feststellung beginnen, dass Frühgeborene, die mit einem Gestationsalter
unter 22 SSW geboren werden, nicht lebensfähig seien. Die American Academy of
Pediatrics weist in ihren Empfehlungen auf die Unschärfe der präpartalen
Gewichts- und Gestationsaltersschätzung hin [3]. Die Abweichung bei der präpartalen
Geburtsgewichtsschätzung liegt selbst bei guten Untersuchungsbedingungen bei ±10 %.
In
allen Empfehlungen wird auf die Notwendigkeit einer detaillierten Beratung der
Eltern hingewiesen und auf die Verpflichtung, bei der Entscheidung „die
seelische, körperliche und soziale Belastung der Mutter / Eltern zu
berücksichtigen“. Es bestehen jedoch erhebliche nationale Unterschiede in
dem Ausmaß, in dem Eltern in Entscheidungen über die Behandlung ihres frühgeborenen
Kindes einbezogen werden.
Ad
drei
Die
Mortalität extrem unreifer Frühgeborener hat sich in den letzten zehn Jahren
deutlich verringert. Bei Frühgeborenen mit 25 abgeschlossenen SSW liegt sie
unter 30 %, eine aktive Intensivtherapie bei diesen Neugeborenen sollte
also immer einsetzen. Bei Frühgeborenen mit 24 abgeschlossenen SSW ist die
Mortalität um 5–15 % höher. Trotzdem sollte grundsätzlich versucht
werden, die Vitalfunktionen zu erhalten. Extrem unreife Frühgeborene sollten möglichst
in dazu ausgewiesenen Perinatalzentren oder personell und apparativ ähnlich gut
ausgestatteten Einrichtungen betreut werden.
Kinder,
die vor der 22. SSW geboren werden, sind nicht lebensfähig. Daraus folgt,
lebenserhaltende Maßnahmen sind dann zu unterlassen, wenn für das Kind keine
Überlebenschancen bestehen. Es muss allerdings sicher gestellt werden, dass das
vorgeburtlich festgestellte Schwangerschaftsalter dem Zustand des Kindes
entspricht. Bei offensichtlicher Diskrepanz werden Geburtshelfer und Neonatologe
die vor der Geburt getroffene Entscheidung überdenken, keine lebenserhaltenden
Maßnahmen zu beginnen. Ist zu erkennen, dass das Kind sterben wird, sollten die
Eltern Unterstützung erhalten, ihr Kind bis zum Tod selbst zu begleiten und
bestatten zu lassen.
Nach
der 22.–23. Woche steigt die Überlebenschance der Kinder von etwa 10 auf 50 %
an. Andererseits leiden 20–30 % der überlebenden Kinder an schweren körperlichen
und geistigen Behinderungen. Bei den geburtshilflichen und neonatologischen
Entscheidungen sind deshalb neben den kindlichen auch die mütterlichen / elterlichen
Interessen zu berücksichtigen.
Vorbeugende
Maßnahmen zur Verhinderung eines zu frühen Geburtstermins verdienen aus
medizinischer, aber auch aus ökonomischer Sicht Beachtung. Dies trifft
besonders auf die Verhinderung einer Geburt mit einem Gewicht von unter 1.000 g
zu. Leider gibt es in Deutschland noch keine publizierten validen Zahlen zu den
Kosten der Frühgeborenenversorgung. In einer Stellungnahme im Deutschen Ärzteblatt
heißt es: „Während Milliarden für die medizinische Versorgung Frühgeborener
ausgegeben werden, fehlen die notwendigen Millionen für eine sozialpädiatrische
Nachsorge dieser Kinder“ [4]. Dies trifft für einige Regionen der BRD sicher
zu, kann aber nicht so pauschal stehen bleiben. Eine Untersuchung an 273
Familien mit chronisch kranken und behinderten Kindern hat allerdings ergeben,
dass Eltern von Kindern mit frühkindlichen Hirnschäden, Fehlbildungen oder
Stoffwechselstörungen sich oft ungenügend medizinisch beraten fühlten [4].
Die gravierendsten Versorgungslücken wurden im Bereich der psychosozialen
Beratung und Unterstützung gesehen. Die Eltern beklagten auch die fehlende
Koordination der Versorgung. Valide Zahlen für verschiedene Regionen, auch zu
den Kosten, wären für eine sachliche Diskussion dieser Problematik hilfreich.
Der Prävention einer Frühgeburt sollte auch durch rechtzeitige Verlegung der
Mutter in eine Klinik Rechnung getragen werden (kreißsaalnahe Versorgung). Darüber
hinaus sollten prädisponierende Faktoren, z. B. Infektionen der Mutter
erforscht werden, da insbesondere gegen bakterielle Infektionen gute präventive
und therapeutische Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die
Kostendiskussion kann zur Rationalisierung – jedoch nicht zur Rationierung –
medizinischer Maßnahmen in diesem besonders sensiblen Bereich beitragen.
Referenzen:
-
Gill
A. The socioeconomic impact of preterm delivery. Front Horm Res 2001; 27:
1–9.
-
American
Academy of Pediatrics. Committee on Fetus and Newborn, American College of
Obstetricians and Gynecologists, Commettee on Obstetric Practice. Perinatal
care at the threshold of viability. Pediatrics
1995; 96: 974–976.
-
Eine
Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe,
Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Deutschen
Gesellschaft für Perinatale Medizin und der Gesellschaft Neonatologie und Pädiatrische
Intensivmedizin. Frühgeburt an der Grenze der Lebensfähigkeit des Kindes.
PerinatalMedizin 1998; 10: 99–101.
-
Stoschek
J. Nachsorgesymposium. Von den Folgen einer früher Geburt. Dt Ärztebl
2001; 98: C 1613.