Steinvorth III
Gruppe Ethik-21 / EVE-STIFTUNG

 

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Publikation 2002

MEDIZINISCHE ETHIK IM 21. JAHRHUNDERT - ZUR ANTHROPOTECHNIK DER MENSCHLICHKEIT

"Exogene Einflussnahme auf werdendes menschliches Leben" 

Beitrag zum III. Ethik-Symposium: 03. bis 05. Mai 2002 · Seebad Kühlungsborn

Abstract:

Zur Legitimität moderner Reproduktionstechniken und der Gentechnik ©

Prof. Dr. phil. Ulrich Steinvorth · Praktische Philosophie · Philosophisches Seminar der Universität Hamburg · Von Melle Park 6 · D-20146 Hamburg

  1. Was sind die Kriterien der Legitimität?

  2. Gibt es moralische Grenzen der Wissenschaft?

  3. Welche Rolle sollte die Wissenschaft heute spielen?

Zu den Legitimitätskriterien der modernen Reproduktionstechniken

Wie für alle Techniken ist auch ihr allgemeines Legitimitätskriterium dies: Sie dürfen niemandem schaden. Zwei Probleme erschweren allerdings die Entscheidung, ob sie schaden: das Problem der Einwilligung künftiger Individuen und das Problem der diachronen Identität von Embryo und Erwachsenem. Das zweite Problem findet seine Lösung darin, dass frühe Embryonen vor der Gastrulation nicht mit den Kindern und Erwachsenen identisch sein können, die sich aus ihnen entwickeln; das erste Problem darin, dass wir in der Erziehung Kinder ohne Rücksicht auf deren Einwilligung Idealen unterwerfen, die wir als universal verbindlich einschätzen und ausweisen können. Zu diesen Idealen gehören Urteilsfähigkeit, die wir anerkennen müssen, wenn wir den Vorrang demokratischer Institutionen vor nichtdemokratischen rechtfertigen wollen; Ichstärke oder die Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen auch gegen Schwächen des Geistes wie des Körpers durchzusetzen, und die Bereitschaft, jeden als gleich vor dem Recht anzuerkennen.

Die Ideale stellen dar, was Theoretiker und Praktiker im Lauf der europäischen Geschichte, aber auch in anderen Kulturen, als die alle Menschen verpflichtenden Ideen entwickelt haben: die Ideen von Vernunft, Freiheit und Gleichheit. Das Ideal der Urteilsfähigkeit stellt die Idee der Vernunft dar, da diese das Vermögen ist, durch das wir tradierte Regeln, nach denen wir bisher auf Reize reagiert haben, auf ihre Richtigkeit prüfen; das Ideal der Ichstärke, die Idee der Autonomie des Individuums und seiner Freiheit von gesellschaftlichen Forderungen, soweit diese nicht in ihrem Dienst an der individuellen Autonomie begründet sind; das Ideal der Bereitschaft, die anderen sich gleich und sich als den anderen gleich anzuerkennen, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht; kurz: die Ideen von Vernunft, Freiheit und Gleichheit. Es wäre merkwürdig, wenn sie nicht auch den Gebrauch der modernen Reproduktionstechniken leiten könnten.

Gibt es moralische Grenzen der Wissenschaft?

Ihre moralischen Grenzen müssten genau dort liegen, wo sie eine der drei Ideen der Vernunft, der Freiheit und der Gleichheit verletzt. Dass der Gebrauch der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung diese Ideen verletzen kann, steht außer Frage. Was man mit der Rede von moralischen Grenzen der Wissenschaft aber im Auge hat, ist, dass die wissenschaftliche Forschung selbst moralische Grenzen hat. Diese Unterstellung erscheint mir falsch. Die wissenschaftliche Forschung fördert unsere Urteilsfähigkeit (sie ist unentbehrlich für jeden Anspruch, richtig zu urteilen), unsere Ichstärke (sie zeigt, worin die Stärke der Individuen liegt: darin, dass sie etwas leisten, woran andere Individuen anknüpfen und mitbauen können) und unsere Bereitschaft, einander als gleich anzuerkennen (in ihr zählt weder Geburt noch Reichtum, weder Rasse noch Religion).

Kann aber nicht die Lage eintreten (ist sie nicht schon eingetreten), dass die wissenschaftliche Forschung deshalb eingeschränkt werden muss, weil wir erkennen können, dass ihre Ergebnisse missbraucht werden? Die deutschen, in Deutschland gebliebenen Physiker fanden sich im zweiten Weltkrieg in der Tat in dieser Lage. Gerade sie aber konnten nicht erwarten, dass ihre Gesellschaft ihrer wissenschaftlichen Forschung Grenzen gesetzt hätte. Sie hätten nur sich selbst solche Grenzen setzen können. Die Gefahren gehen nicht von den Wissenschaftlern aus, sondern von der Gesellschaft, die ihre Ergebnisse missbraucht. Wir können daher nicht viel von moralischen Grenzen erwarten, die eine Gesellschaft den Wissenschaftlern setzt. 

Welche Rolle sollte die Wissenschaft heute spielen?

Die Wissenschaft sollte die Befolgung ihrer eigenen Leitideen Vernunft, Freiheit und Gleichheit fördern. Wie kann sie das erreichen? Vor allem dadurch, dass ihre Verteidiger auf die Lücken in der Gesellschaft aufmerksam machen, in denen die Ideen der Vernunft, der Freiheit und der Gleichheit nicht befolgt werden, und Mittel anbieten, die Mängel zu beheben. Der schwerste Mangel ist heute die zunehmende Arbeitslosigkeit.

Die Wissenschaft sollte in der Behebung dieses Mangels eine doppelte Rolle spielen. Ihre Vertreter müssen erstens Entwürfe einer gesellschaftlichen Organisation entwickeln, in der niemand um seinen Arbeitsplatz fürchten muss. Zweitens aber repräsentiert sie selbst das Interesse und die Tätigkeit, die am ehesten in der Lage sind, Arbeitslosigkeit abzubauen. Denn ausreichende Arbeitsplätze können nur geschaffen werden, wenn zugleich Kapitalgeber bereit sind, ihr Kapital für zukunftsträchtige Unternehmen zu investieren, und Arbeit Suchende in ihrer Arbeit einen Sinn finden. Ohne die Wahrnehmung eines gemeinsamen produktiven Interesses wird die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen. Die Wissenschaft stellt ein solches Interesse dar. Ihr allgemeines Interesse an Vernunft, Freiheit und Gleichheit differenziert sich in die konkreten Ziele ihrer vielfältigen Forschungsobjekte, die den ebenso vielfältigen Anlagen der Menschen Gelegenheit zur Betätigung geben. Die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe der Wissenschaft ist daher heute, den von ökonomischer Stagnation bedrohten, in Klassen- und Kulturgegensätze gleitenden Gesellschaften das Feld zu liefern, auf dem jeder seine Anlagen betätigen kann, für das der Reiche sein Geld gibt und auf dem der Arme zu mehr kommen kann als zu Reichtum: zu gesellschaftlicher Anerkennung und zu sinnvoller Tätigkeit.

Damit die Wissenschaft diese Rolle spielen kann, müssen zwei Hindernisse abgebaut werden, ein materielles und ein ideelles. Das materielle besteht in der Unterfinanzierung des Ausbildungswesens. Das ideelle und größere Hindernis besteht in der Ablehnung der Naturwissenschaften und ihrer spezifischen Neugier, die Naturprozesse zu rekonstruieren und zu kontrollieren. Dies Hindernis kann aufgelöst werden, wenn die Verteidiger der Wissenschaft zeigen, dass die Wissenschaft ein Mittel unserer Lebensführung ist, das so wichtig und darüber hinaus so vielfältig und potenziell für jeden interessant geworden ist, dass aus dem Mittel ein allgemeiner Zweck wurde.

 

 

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